Lesefreude fächerübergreifend fördern

Lesefreude fächerübergreifend fördern

Von Henrik Mohn

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Im digitalen Zeitalter sind Texte und Bücher anfällig für das Etikett „langweilig“. Verglichen mit den neuesten Konsolen und PC-Games oder der neuesten Netflix-Serie erscheint das stundenlange Starren auf schwarz-weiße Zeichen nicht gerade als erfüllende Zeitinvestition. Der Mensch von heute wird zunehmend in eine Art Unterhaltungs-Bequemlichkeit hineingeführt, die gedruckte Texte altmodisch, unpraktisch und viel zu anstrengend vorkommen lassen. Tony Reinke fand in einer empirischen Studie unter 8000 Menschen heraus: je mehr das Handy das Leben durchdringt, desto schwieriger wird es für einen Großteil von jungen Menschen, Bücher und Texte zu lesen.[1] Und gerade im Schulunterricht zeigt sich fächerübergreifend, dass die Lesekompetenz der Jugendlichen nicht erst seit PISA deutliche Schwächen aufweist. Deshalb ist es die Aufgabe aller Schulfächer, die Lesekompetenz zu fördern.

Papier oder Pixel?

Rakefet Ackerman und Morris Goldsmith[2] – zwei Psychologen – haben das Textverständnis bei digitalen Texten mit dem Textverständnis gedruckter Worte verglichen. Für ihren Test benutzten sie einen kurzen Artikel, der 1000 Worte umfasste. Die Teilnehmer wurden dabei in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe las den Artikel auf dem Bildschirm, die andere auf Papier. Beiden Gruppen stand dabei die gleiche Lesezeit zur Verfügung. Danach wurde das Experiment wiederholt. Es gab wieder zwei Gruppen, die eine las auf Papier und die andere auf Pixeln. Doch beim zweiten Durchgang gab es keine feste Zeitbeschränkung, sondern der Zeitrahmen wurde aufgehoben, sodass die Testleser ihre eigene Lesegeschwindigkeit bestimmen konnten. Am Ende des Experimentes wurden alle Teilnehmer dahingehend geprüft, was sie vom Text behalten hatten. Die Probanden des ersten Testlaufes kamen dabei fast alle auf dieselbe Punktzahl. Doch im zweiten Test übertrafen die Papierleser deutlich ihre digitalen Mitstreiter. Den Psychologen zufolge ist die Antwort einfach: Digitale Leser lesen naturgemäß zu schnell.

Ackermans und Goldsmiths Experiment hat aufgezeigt, dass man mit dem gedruckten Buch in der Hand automatisch langsamer liest, und zwar mit einer Geschwindigkeit, bei der sich das Gelesene einprägt. In anderen Worten: „Willst du Information verinnerlichen, musst du dir dafür Zeit nehmen.“[3]

Das digitale Zeitalter hetzt die Schülerschaft von heute und zerstreut die jugendliche Konzentrationsfähigkeit in Millionen von kleinen Bruchstücken, sagt der Ethiker Oliver O’Donovan. Die größte Herausforderung für die Lesekompetenz ist eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, „die jetzt von der einen, und bald von der nächsten Überraschungs-Explosion eingefangen wird. Wissen wird uns jedoch nie in dieser Form vermittelt. Wissen muss „gesucht“ und „gejagt“ werden, wie die herrlichen Verse über die Weisheit am Anfang der Sprüche Salomo bezeugen.“[4]

Gründliches Lesen ist heutzutage für Heranwachsende schwerer als je zuvor. Die tagtägliche Informationsflut bringt es mit sich, dass man oberflächlich wird. Dabei liegt der Hauptgrund nicht darin, dass junge Menschen keine Lesekompetenz besitzen, sondern vielmehr Lese-Unwilligkeit. Jugendliche praktizieren ein digitales Überfliegen, um mit der Informationsflut, die durch Smartphones, Instagram, Twitter, Facebook, Snapchat und Co. auf sie einströmen, mitzuhalten, anstatt einen Gang herunterzuschalten und das wirklich Lebenswichtige zu verinnerlichen. Etwas pointiert ausgedrückt: Leseunwillige haben Schwierigkeiten, das für ihr Leben Wertvolle von dem schnell Vergänglichen zu unterscheiden. Nicht nur im Deutschunterricht, bei dem des öfteren Texte mit größerem Wortmaterial vorkommen, sondern auch in allen anderen Fächern ist diese Kompetenz aber bedeutsam.

Die Lesedidaktik hat herausgearbeitet, dass flüssiges Lesen eine wichtige Voraussetzung für das verstehende Lesen von Texten ist. „Wer Texte flüssig lesen kann, der versteht in der Regel auch mehr vom Textinhalt – und umgekehrt.“[5] Dieser elementaren Aufgabe widmet sich der Deutschunterricht. Wie bereits erwähnt ist Lesekompetenzförderung jedoch die Aufgabe jeder Lehrkraft, egal in welchem Fachunterricht. Im Folgenden werden deshalb zwei Lesemethoden vorgestellt, die in jedem Fach anwendbar und umsetzbar sind und die bei der Schülerschaft für eine positive Verarbeitung des gedruckten Wortes sorgen, da der Unterrichtsalltag methodisch-kommunikativ ergänzt wird.

Leseförderung durch wechselseitiges Lesen

Mithilfe des wechselseitigen Lesens ist es möglich, komplexe und auch längere Texte auf kommunikativen Lernwegen in jeder Klassenstufe zu erschließen. Ziel dieser Methode ist, dass die Schüler folgende Kompetenzen schulen: flüssig lesen, betont vorlesen, genau zuhören, Gehörtes zusammenfassen und leise sprechen.

Das Einüben der Methode erfordert nichts weiter, als dass im Vorfeld Lesetandems gebildet werden, die beispielsweise über die nächsten 2-3 Schulwochen miteinander fächerübergreifend kooperieren. So besteht die Möglichkeit, neben der Sozialkompetenz gleichzeitig auch die Klassengemeinschaft zu stärken. Eine andere Variante ist, dass der Fachlehrer je nach Stunde und Klassenzusammensetzung auch Lesetandems neu bestimmen kann. Wichtig ist nur, dass der Lehrer im Vorfeld Lesepaare gebildet hat, die miteinander am Text arbeiten. Hierbei empfiehlt es sich, den Schülern in den ersten Stunden noch ein Übersichtsblatt mitzugeben, um die Methode zu verinnerlichen. Der Ablauf kann dabei auf laminierten A5 Karten jedem Lesetandem ausgeteilt werden.

Mögliche Ablaufübersicht

Aufgabe: Erschließt euch den Text mithilfe der Methode des wechselseitigen Lesens.

  1. Teilt ein, wer von euch Schüler A: __________ und wer Schüler B: ___________ ist.
  2. Lest den ersten Abschnitt leise für euch.
  3. Jetzt liest A deutlich, halblaut und betont den 1. Abschnitt vor und B hört zu.
  4. Anschließend fasst B das Gelesene zusammen und A überprüft die Zusammenfassung.
  5. Nun liest jeder den 2. Abschnitt leise für sich durch.
  6. Die Rollen wechseln jetzt und B liest deutlich, halblaut und betont den 2. Abschnitt vor und A hört zu.
  7. Nun fasst A das Gelesene zusammen und B überprüft die Zusammenfassung.
  8. Die Rollen wechseln bis zum Ende des Textes.

Tipps für die Praxis:

  • Einführung: In der Einführungsstunde sollte der Unterrichtende der Klasse laut vorlesen und immer wieder Abschnitte bilden. Nach jedem Abschnitt fassen die Schüler dann abwechselnd in Partnerarbeit das Gelesene zusammen. So können die Schüler vom Lehrervorbild profitieren.
  • Abschnitte: Wichtig ist, dass die einzelnen Abschnitte eines Textes auch wirklich Sinnabschnitte sind und dass sie nicht zu lang sind (z. B. > 1/3 Seite). Bei Schulbuchtexten ist beispielsweise eine Zeilennummerierung hilfreich.
  • Lehrerrolle: Der Lehrer fungiert als Motivator. Er setzt sich zu den einzelnen Lesepaaren und fordert Schüler auf, Abschnitte zusammenzufassen oder das bisherige Textverständnis wiederzugeben.
  • Lautstärke: Es ist darauf zu achten, dass die Schüler wirklich halblaut vorlesen.
  • Assoziation: Um das Gelesene besser in der Schülerwelt zu verankern hilft es, wenn das Gelesene oder Gehörte mit eigenen Gedanken verknüpft wird.

Die Methode eignet sich vor allem für die Aneignung neuer Lerninhalte und in Phasen der Erarbeitung; oder dann, wenn es darum geht, erworbene Kompetenzen zu vertiefen und anzuwenden.

Wechselseitiges Lesen und Zusammenfassen kann in allen Fächern eingesetzt werden, in denen Texte erschlossen werden sollen. Aufgrund der vielen Varianten ist die Methode in jeder Klassenstufe und Schulart einsetzbar, wenn es um Texte geht. Meine Erfahrungen mit dieser Methode waren durchweg positiv. Man benötigt am Anfang 1-2 Stunden, um die Methode einzuführen, doch dann ist sie eine tolle Ergänzung zum Alltagsunterricht und bietet den Heranwachsenden einen neuen Zugang, um Texte zu erschließen. Ebenso haben Forschungen aufgezeigt, dass bei konsequentem Einsatz signifikante Leseerfolge bei den Schülern festzustellen sind. Zu guter Letzt hilft die Methode gerade auch Leseunwilligen, sich auf die Textbegegnung einzulassen, da die Abschnitte überschaubar sind und man nicht gezwungen ist, sich selbst alles zu erschließen. Gerade in Zeiten der digitalen Oberflächlichkeit ist dieses Herangehen eine Chance, um Konzentrationsfähigkeit zu fördern und Erfolgsmomente zu kreieren.

Leseförderung durch reziprokes Lesen

Bei dieser Methode erwerben Schüler lesend und arbeitsteilig in Eigenverantwortung Lerninhalte in der Gruppe, wobei jeder Schüler eine Aufgabe übernimmt, die anschließend rotiert. Bei dieser Methode besteht insbesondere die Möglichkeit der individuellen Förderung[6].

Zur Einführung bietet sich ein stark lehrergeführtes Unterrichtsgespräch mit praktischen Übungen an, damit die Schüler die Methode verinnerlichen. Als Hilfe können Lernvideos[7] genutzt werden. Des Weiteren sollten die Rollenkarten im Vorfeld mit den Aufgaben laminiert vorliegen, sodass jeder Schüler in der Lerngruppe seine Rolle noch einmal nachlesen kann.

Nachdem die Textblätter verteilt wurden, werden nun die jeweiligen Rollen in der Gruppe vergeben. Ein Abschnitt wird dabei mithilfe folgender Rollen gelesen und anschließend bearbeitet:

A = Textabschnitt vorlesen

B = Gelesenes zusammenfassen

C = Fragen zum Textabschnitt stellen  

D = Vermutungen zum weiteren Textfortgang äußern

Sind Textinhalt, Begriffe sowie Fragen und Prognosen geklärt, werden die Rollen neu verteilt, indem jedes Gruppenmitglied seine Rollenkarte an seinen rechten Nebensitzer übergibt. Nun wird der nächste Textabschnitt gelesen und mit den neu verteilten Rollen bearbeitet. Dies geschieht, bis der Text vollständig gelesen und alle Abschnitte bearbeitet wurden. Den Abschluss der Textbearbeitung sollte eine selbstständige Auswertung der Ergebnisse von Schülerseite bilden.

Auch hier bietet es sich an, in den Einführungsstunden den Schülern Ablaufzettel beizulegen, sodass unnötige Fragen vermieden werden und konzentriert gearbeitet werden kann.

Möglicher Ablauf

Aufgabe: Erschließt euch den Text mithilfe der Methode des reziproken Lesens.

  1. Lies dir deine Aufgabe (A-D) leise durch.
  • Jeder liest nun den Textabschnitt für sich leise durch.
  • Person A liest den jeweiligen Textabschnitt halblaut vor.
  • Person B wiederholt den Textabschnitt kurz und knapp in eigenen Worten.
  • Person C stellt Fragen zum vorgelesenen Textabschnitt.
  • Person D stellt Vermutungen zum nächsten Textabschnitt an.
  • Gebt eure Aufgabenkarte (A-D) nach rechts weiter.
  • Führt Schritt 2 – 7 bis zum Textende durch.
  • Fasst eure erarbeiteten Ergebnisse in einer Mindmap zusammen.

Tipps für die Praxis:

  • Einführung: Sowohl das Ablaufblatt als auch die Rollenkarten sollten in ausreichender Schüler- und Gruppenanzahl laminiert vorbereitet sein. Hier empfiehlt es sich, die Rollen (A-D) auf farbiges Papier zu kopieren.
  • Lehrerrolle: Die Lehrkraft fungiert beratend und motivierend. Gerade bei schwächeren Lesern kann der Lehrer positiv begleiten und die Gruppe im Miteinander stärken. Auch kann die Lehrkraft individuell beratend zur Seite stehen, wenn Probleme auftauchen.
  • Individuelle Förderung: Je nach Gruppenzusammensetzung können weitere vertiefende Textarbeiten oder diverse Selbstkontrollaufgaben (z. B. Begriffsbedeutungen erklären lassen) an die Kleingruppen vergeben werden.

Diese beiden Methoden wurden in verschiedenen Klassenstufen und Schularten ausprobiert und waren eine Bereicherung für den Unterrichtsalltag. In Zeiten der digitalen Hetze helfen sie, sich neu auf geschriebene Texte einzulassen. Denn unabhängig vom Medium (Papier oder Pixel) und von der jeweiligen Schwäche des Lesers (Unwilligkeit oder oberflächliche Eile) ist ein aufmerksameres und langsameres Lesen notwendig. Warum?

Leseförderung um der Bibel willen

Weil unser ganzer christlicher Glaube auf einem Buch beruht. In der Bibel buchstabiert Gott für uns die Beziehung mit ihm. Der Theologe Scott R. Swain formuliert es treffend: „Die Beziehung und Gemeinschaft zwischen Gott und seinem Volk ist ein wesensmäßig textliches Phänomen. Der ewige und sprachgewaltige Gott hat sich herabgeneigt, um ein Wort erlösenden Trostes zu uns zu sprechen. Weil die Bibel der erhabene Ort von Gottes Selbstoffenbarung in der Welt ist, ernährt, verteidigt und leitet er sein Volk durch dieses Buch; und sein Volk versammelt sich um dieses Buch, ernährt sich davon, findet Geborgenheit darin und folgt seinen Worten.“[8]

Damit wir den Heranwachsenden nicht nur fächerübergreifend Lesefreude bereiten und so dazu beitragen, dass sie mündige und wissende Staatsbürger werden, sind wir dazu aufgerufen, das chronische Scrollen zu unterbrechen, um ihnen vermehrt wieder Lesezeit für die ewigen Wahrheiten zu schenken. Unbestreitbar ist, dass Bibellesen eine unglaublich anspruchsvolle Arbeit – vor allem im Bereich des Lesens – ist. Die Bibel ist eben kein Buch, was man mal so eben von vorne nach hinten liest und dann ins Regal stellt; ebenso wenig ist sie ein Buch zum Browsen oder Scrollen. Vielmehr ist sie die offene Tür, durch die man – sei es allein oder in Gemeinschaft – Gottes Stimme hört. Als christliche Pädagogen können wir mithilfe lesefördernder Methoden hierzu einen Beitrag leisten, dass junge Menschen wieder neu Lesefähigkeiten und -kompetenzen erhalten, um sich mit Texten auseinanderzusetzen. Denn im Smartphone-Zeitalter werden Jugendliche tagtäglich mit dem Unmittelbaren bombardiert: WhatsApp-Postings, Bloggbeiträge, Snapchat-Eilmeldungen usw. Aber das für die Seele allerwichtigste Buch ist für sie oftmals wenig interessant. Gottes Wort verlangt von seinen Lesern ein Höchstmaß an Konzentration auf den Text, weil es ein beziehungsorientiertes Lesen erfordert: es geht nicht um das Oberflächliche, Schnelllebige und Unbedeutende, sondern die Bibel lädt dazu ein, Gott und Jesus näher kennenzulernen. Lassen wir uns als Pädagogen dazu neu motivieren, Lesefreudigkeit fächerübergreifend zu fördern, damit die zukünftige Generation mit gutem Handwerkszeug ausgestattet ist, um Gottes Liebesbotschaft sinnstiftend und lebensverändernd zu lesen. Deshalb sollten wir 2. Korinther 4,18 ernst nehmen: „Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“

Henrik Mohn ist Realschullehrer an der Freien Evangelischen Schule Böblingen. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.

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Anmerkungen:

[1] Reinke, T. (2018): Wie dein Smartphone dich verändert. 12 Dinge, die Christen alarmieren sollten, Betanien Verlag, S. 89.

[2] Ackerman, R. u. Goldsmith, M. (2011): Metacognitive Regulation of Text Learning: On Screen versus on Paper. In: Journal of Experimental Psychology: Applied, S. 18-32.

[3] Thompson, C. (2003): Smarter Than You Think: How Technology Is Changing Our Minds for the Better, Penguin, S. 135.

[4] O’Donovan, O. (2016): E-Mail Interview mit Tony Reinke.

[5] Rosebrock u. a. (2011): Leseflüssigkeit fördern. Lautleseverfahren für die Primar- und Sekundarstufe, Friedrich Verlag S. 11.

[6] Siehe auch: https://lehrerfortbildung-bw.de/st_if/bs/if/unterrichtsgestaltung/methodenblaetter/reziprokeslesen.html.

[7] https://www.youtube.com/watch?v=8M4QWhnos4U.

[8] Swain, S. R. (2011): Trinity, Revelation and Reading: A Theological Introduction to the Bible and Its Interpretation, T&T Clark, S. 95.