Evangelische Schulen und ihr Beitrag zur öffentlichen Bildung

Evangelische Schulen und ihr Beitrag zur öffentlichen Bildung

Teil 2: Evangelische Schulen als zeitlose Alternative

Von Eckard Geier

Evangelische Schulen – unzeitgemäß

Während die geistliche Schulaufsicht über die Lehrer noch bis 1909 von den Kirchen ausgeübt wurde[i], forderten die Sozialdemokraten schon 1905 die Abschaffung des Religionsunterrichts bzw. die Umwandlung in einen Weltanschauungsunterricht[ii]. Von der Bremer „Vereinigung für Schulreform“ und anderen wurde die staatliche, weltanschaulich neutrale Einheitsschule gefordert. Konfessionsschulen wurden als Relikt überkommener, unzeitgemäßer Einrichtungen einer absterbenden Epoche erklärt.

Es war Otto Dibelius, der in der frühen Weimarer Republik eine Petition mit vier Millionen Unterschriften einreichte und damit den Kampf für den Erhalt einer christlichen Schule und der Freiheit konfessionell orientierter Schulen gewann.

Evangelische Schule, ja christliche Schule, war mit Beginn des 20. Jahrhunderts, verstärkt in der Weimarer Republik, den Verfechtern einer weltanschaulich neutralen Schule suspekt geworden. Evangelische Schule war nicht mehr zeitgemäß.

Unter der Herrschaft des Nationalsozialismus gab es kein freies Schulwesen mehr. Evangelische Schulen wurden geschlossen, die Seminare beschlagnahmt. Evangelische Bildung war nicht nur unzeitgemäß geworden, sie war verboten und unterbunden.

Nach dem zweiten Weltkrieg setzte eine Rückbesinnung auf die christlichen Werte ein. Evangelische Schulen können ihre Arbeit wieder aufnehmen und erhalten sukzessive (wieder) ihre staatliche Anerkennung.

Mit der Losung „Keiner darf verloren gehen“ knüpfte Arnold Dannenmann 1947 an die Rettungshaus-Idee an und gründete das CJD (Christliches Jugenddorfwerk Deutschlands e. V.).

Staatliche Konfessionsschulen nahmen in Baden-Württemberg zunächst ihren Betrieb wieder auf. 1967 wurden die letzten Konfessionsschulen in christliche Gemeinschaftsschulen umgewandelt. Konfessionsschulen waren wieder unzeitgemäß geworden. Für kurze Zeit gab es die Möglichkeit, eine Konfessionsschule bei staatlicher „Spitzabrechnung“ in freier Trägerschaft zu gründen. Kurz vor Ablauf dieser speziellen Fördermöglichkeit wurde in Reutlingen die Freie Evangelische Schule als Grund- und Hauptschule gegründet. Ihre Zielrichtung war so formuliert worden: „Die Orientierung am Evangelium soll sich sowohl auf die Inhalte der verschiedenen Unterrichtsfächer als auch auf das Schulleben im Ganzen beziehen.“ 1973 ging diese erste freie evangelische Schule, getragen von einem Elternverein, an den Start. Es war die einzige „Umwandlungsschule“, die von der besonderen staatlichen Förderung profitieren konnte, und die erste Schule der sogenannten „evangelikalen“ Prägung. Spätere Schulen mussten sich mit einer Kopfsatz-Bezuschussung begnügen.

Die Freie Evangelische Schule Reutlingen versteht sich nicht einfach als „zeitgemäße“ Schule, sondern bewusst auch als Schule gegen den Trend: „Wir erfahren heute vielfältig Beeinträchtigungen des menschlichen Lebens, die damit zusammenhängen, dass der Mensch Gott nicht als seinen Schöpfer ehrt: Orientierungslosigkeit, fehlende Maßstäbe, Verhaltensstörungen, Vereinsamung, mangelnde Geborgenheit, geringes Durchhaltevermögen, Mutlosigkeit, Aggressivität, unbewältigte Konflikte im persönlichen und im gesellschaftlichen Bereich. Erziehung auf der Grundlage des christlichen Glaubens hat die Aufgabe, den Kindern die Erfahrung zu vermitteln, dass wir einander annehmen können, weil Gott uns annimmt.“[iii]

Werner Baur, der spätere Oberkirchenrat der württembergischen evangelischen Landeskirche, war Lehrer an dieser neu gegründeten Schule.

Der Reutlinger Schulgründung vorausgegangen war eine heftige öffentliche Diskussion um die rechte Bildung. Mit dem von Georg Picht 1964 in der Zeitschrift Christ und Welt eingeführten Begriff der „Bildungskatastrophe“ ging ein Ruck durch die deutsche Bildungslandschaft, der eine Reihe von Reformbemühungen auslöste, wie z. B. den Strukturplan für das deutsche Bildungs- und Erziehungswesen und die Einrichtung der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsfragen. Schulen sollten besser, zeitgemäßer werden und sie sollten sozial bedingte Bildungsnachteile ausgleichen.

Entdeckendes Lernen, kooperatives Arbeiten und problemlösendes Denken sollten gefördert werden. Die Integration behinderter Kinder in reguläre Klassen war in einer Folgeempfehlung zum Strukturplan weitgehend vorgesehen. Chancengleichheit für alle war eine Forderung an das Bildungswesen, die bis heute nicht verstummt ist.[iv] Freie Schulen fanden im Strukturplan allerdings keine Erwähnung.

Evangelische Schulen – zeitlos zeitgemäß

Evangelische Schulen – ob traditionsreich in der Vergangenheit gegründet oder neu wie die FES Reutlingen und spätere – stellten sich den Herausforderungen und setzten als pädagogische Avantgarde viele Innovationen um. Zugleich aber fanden sie ihre Orientierung im biblisch-christlichen Menschenbild und in der Rückbesinnung auf das reformatorische Erbe. Damit buchstabierten evangelische Schulen einerseits eine Antwort auf die Herausforderungen ihrer Zeit, andererseits waren es Schulen gegen den Trend, die sich auf die Wurzeln des zeitlosen Evangeliums besannen.

Neben den pädagogischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, den theologischen Profilierungen und dem kirchlichen Bildungsauftrag wuchs in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts das Bewusstsein, dass evangelische Schulen eine gemeinsame Interessenvertretung brauchen. Gleichzeitig wollten sie als Antwort auf die „Bildungskatastrophe“ ihre bildungspolitische Verantwortung wahrnehmen.

Auf diesem Hintergrund wurde am 19. März 1975 das „Evangelische Schulwerk in Württemberg“ gegründet, dem zunächst sieben Träger angehörten: Das Diasporahaus Bietenhausen, die Evangelische Brüdergemeinde Korntal, die Evangelischen Heimschulen Martinshaus, das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands e. V., die Stiftung Urspringschule, die Zieglerschen Anstalten e. V. und die Freie Evangelische Schule Reutlingen.

Der damalige Oberkirchenrat Dr. Ottokar Basse nennt in seiner Ansprache zur Gründung des Schulwerks fünf Aufgabenbereiche für evangelische Schulen:

— Kasten —

Ÿ Evangelische Schulen sollen sich um bestimmte Zielgruppen bemühen, die eine besondere Aufmerksamkeit verdienen (sozial-diakonischer Auftrag).

Ÿ Evangelische Schulen können eine ideologiefreie und ideologiekritische Schulbildung bieten (pädagogischer Auftrag).

Ÿ Evangelische Schulen können im gesellschaftskritischen und dem Individuum zur Selbständigkeit verhelfenden Dienst einen besonderen Auftrag sehen (seelsorgerlicher Auftrag).

Ÿ Evangelische Schulen können der Ort sein, wo das Zusammenwirken von Eltern, Lehrern und Schülern in einem Schulwesen exemplarisch deutlich wird und wo damit kirchliche Verlautbarungen untermauert werden (schultheoretische Aufgabe).

Ÿ In der Curriculum-Entwicklung können evangelische Schulen einen Beitrag leisten, indem sie die Wirkungsgeschichte des Evangeliums auch außerhalb des Religionsunterrichts in anderen Fächern einbringen.[v]

— Kasten —

Damit sind schon 1975 Aufgaben umrissen, die damals wie heute evangelische Schulen als Garanten einer menschlichen, beziehungsorientierten und auf den Menschen bezogenen Entwicklung ausweisen. Basse beklagt in seiner Gründungsrede, dass ein Neomarxismus und Vulgärmarxismus im Bereich von Schule das Wort ergreife. „Begriffe wie Klassenkampf, Konflikt oder Interessenvertretung finden offensichtlich mehr Anklang als Vertrauen, Nächstenliebe und Einsatzbereitschaft.“ … „Dem Evangelium entspricht im pädagogischen Handeln die Haltung der Hoffnung.“

Dass evangelische Schulen einfach im „Mainstream“ gesellschaftlicher Entwicklungen mitschwimmen, war nie Fakt, ist aber seit Beginn des 20. Jahrhunderts endgültig passé. Die gesellschaftskritische und das Individuum stärkende pädagogische und seelsorgerliche Aufgabe unter Rückbesinnung auf das Evangelium ist auch innerhalb einer pluralen, multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft unabdingbares Proprium evangelischer Schulen geblieben und begründet ihren zeitlos-zeitgemäßen Bildungsauftrag.

Im politischen Kontext bei mehr oder weniger skeptischen bis kritischen Haltungen gegenüber Schulen in freier Trägerschaft hat der Zusammenschluss evangelischer Schulen im Schulwerk zunehmend an Bedeutung gewonnen. 1988 wird das Schulwerk erweitert, seine Struktur und Aufgabenstellung in einer Ordnung klar umrissen. 1998 bis 2017 hat Oberkirchenrat Werner Baur den Vorsitz im Vorstand des Schulwerks. 2010 gründet die Badische Landeskirche ein evangelisches Schulwerk. In einem Kooperationsvertrag sind die beiden Schulwerke so verbunden, dass sie in der Außenwirkung als ein Schulwerk auftreten. 2017 zählen 254 Mitgliedsschulen zum Schulwerk.

1975 hatte Oberkirchenrat Ottokar Basse in seiner „Gründungsrede“ des Evangelischen Schulwerks gesagt: „Verbale Verlautbarungen der Kirchen – auch zur Bildungsreform und Bildungsplanung – bleiben Schall und Rauch, wenn sie nicht durch eigene Beispiele eingelöst werden.“ 2009 haben die beiden evangelischen Landeskirchen Baden-Württembergs ein Bildungspapier „Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung“ vorgelegt, an dem Oberkirchenrat Werner Baur maßgeblich beteiligt war. Darin wird ein Konzept für eine dringend nötige Bildungsreform skizziert. Evangelische Schulen lieferten und liefern dazu exakt die Praxisbeispiele, mit denen Basse schon 1975 die Notwendigkeit eigener evangelischer Schulen begründet hatte. Teilweise wurden die Vorschläge des Bildungspapiers nach dem Regierungswechsel 2011 in Baden-Württemberg umgesetzt. Das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung unterstützte das Schulwerk mit dem Projekt „Inklusionsorientierte Schulentwicklung“ von 2011 bis 2014.

Die gesellschaftlichen und pädagogischen Herausforderungen unserer Zeit sind vielfältig: Schulen sollen der Heterogenität gerecht werden, Fehler der Sozialpolitik kompensieren, Ungerechtigkeiten der Gesellschaftspolitik beheben, die Integration von Migranten ermöglichen, binnendifferenzierend unterrichten und in Kompetenzrastern bewerten, inklusiv sollen sie sich um behinderte Kinder kümmern, Verhaltensdefiziten und Teilleistungsstörungen professionell begegnen, Erziehungsdefizite aus dem Elternhaus ausgleichen und den Schülern möglichst ganztags einen wunderbar rhythmisierten, ausgeglichenen Schultag ermöglichen, um schließlich hoch motivierte, fitte, ausbildungsfähige junge Menschen dem Wirtschaftsleben zu übergeben.

Dass diese vielfältigen Herausforderungen auch überfordern können, formuliert Werner Baur in „Die Schule heute – eine überforderte Institution?“[vi] Gleichzeitig erteilt er der bereits Anfang des 20. Jahrhunderts erhobenen Forderung, dass Schule weltanschaulich neutral sein müsse, eine Absage. Gerade in jüngster Zeit waren solche Forderungen neu gestellt worden: Partner im Ganztages-Bereich, wie z. B. die evangelische Jugendarbeit, sollten sich in der Zusammenarbeit mit staatlichen Schulen auf weltanschauliche Neutralität verpflichten – ebenso evangelische sonderpädagogische Bildungszentren, wenn sie Kinder mit Behinderungen an öffentlichen Schulen betreuen. Werner Baur betont, dass sich Erziehung immer in Beziehungen ereignet. Und dort, wo Begegnung mit Personen stattfindet, geht es immer auch um Überzeugungen, Haltungen, den Glauben dieser Personen. „Gerade in einer religionspluralen Gesellschaft kommt der religiösen Beheimatung und der Sprachfähigkeit in Sachen Religion eine besondere Bedeutung zu.“[vii]

Evangelische Schulen stellen sich diesen Herausforderungen. Sie sollten angesichts der Anforderungen an Demokratiefähigkeit, Diversität, Interreligiosität, Multikulturalität etc. – auch ihr ureigenes Evangelisches Profil im Blick behalten.

Ihnen stellt sich die Frage, ob sie „voll im Trend“ sein wollen und ihre „Selbstsäkularisierung“ weiter vorantreiben, oder ob sie „Bildung als Widerstand“ verstehen, wie es Ursula Pfeiffer bei einem Konvent (1999) des Schulwerks formuliert hat.

Die primäre Frage ist nicht die nach den bildungspolitischen und pädagogischen Trends, auf die wir mit Konsens oder Widerstand reagieren, sondern die uralte Frage: „Welche Bildung brauchen unsere Kinder und Jugendlichen?“ Auf diese Frage geben die evangelischen Schulen eine plausible Antwort. Sie nehmen den Einzelnen wahr, gehen auf ganz individuelle Bildungsbiografien ein und leben eine Wertschätzung der Beteiligten vor, die selbstverständlich aus dem Glauben erwächst. Sie vermitteln die „Glaubensgewissheit“, von der Werner Baur schreibt, die zur Orientierung in einer orientierungslos gewordenen Welt ebenso hilft wie zu Wertschätzung und Respekt Andersdenkender.

Innovativ auf der unverrückbaren Basis des evangelischen Glaubens: damit sind Evangelische Schulen zeitlos zeitgemäß und ein wichtiger Baustein der öffentlichen Bildungslandschaft. Sie bieten dem Bekenntnis des christlichen Glaubens Frei-Räume, wie sie gläubige Lehrer an staatlichen Schulen nicht immer vorfinden.

Eckard Geier ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Er war von 2011 bis 2018 Leiter des Evangelischen Schulwerkes in Baden-Württemberg. Davor leitete er die Freie Evangelische Schule Stuttgart als Schulleiter.  


Anmerkungen:

[i] 450 Jahre Kirche und Schule in Württemberg. Stuttgart 1984. S. 223.

[ii] Susanne Roßkopf. Der Aufstand der Konservativen. Berlin 2017. S. 82 ff.

[iii] Aus der Grundordnung der FES Reutlingen.

[iv] Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Strukturplan_f%C3%BCr_das_Bildungswesen.

[v] Ottokar Basse. Kurzreferat auf der konstituierenden Sitzung des landeskirchlichen Schulwerks. 1975.

[vi] Werner Baur. Wir brauchen „Schulen des Lebens“ in „Gemeinschaft“ 5/2013.

[vii] Werner Baur a. a. O.