Das Wiedererstarken des Antisemitismus – zwischen Panikmache und Beschwichtigung

Das Wiedererstarken des Antisemitismus – zwischen Panikmache und Beschwichtigung

Von Gabriel Stängle

Wie können Lehrkräfte Antisemitismus in seinen modernen Erscheinungsformen erkennen und professionell dagegen handeln? Welche Rolle spielen dabei Unterrichtskonzepte, welche Rolle die eigenen, vielleicht unbewussten Zuschreibungen und Vorannahmen? Zu diesem Thema hielt Gabriel Stängle ein Seminar auf dem Christlichen Pädagogentag 2019. In einem ersten Teil wirft er einen Blick auf den gegenwärtigen Antisemitismus und seine historischen Vorläufer.

Antisemitismus heute

Der Historiker Wolfgang Benz schrieb Anfang des Jahres 2019: „Judenhass erlebt in Deutsch-land ein Comeback – heißt es. Entsprechende Warnungen haben eine lange Tradition. Dabei sieht die Realität ganz anders aus.“[1] Die Dimension „Judenfeindschaft“ sei in Deutschland seit Jahren konstant zwischen 15 bis 20 Prozent.[2] Deckt sich das mit den Zahlen? Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) listete verschiedene antisemitische Vorfälle für Jahr 2017 und 2018 auf:[3]

  Angriffe mit besonderem Gefährdungspotential Antisemitische Bedrohungen Antisemitische Vorfälle insgesamt
2017 18 26 951
2018 48 48 1083

Vielleicht sagen einige nun: „Berlin ist Berlin. Wie aber sieht es außerhalb der Hauptstadt aus?“ In einer Befragung zu Diskriminierung von Anhängern des Judentums innerhalb der EU hatten 2012 68 Prozent eine Zunahme des Antisemitismus wahrgenommen. 2018 waren es 89 Prozent. 52 Prozent der Befragten in Deutschland sagten, dass sie in den letzten fünf Jahren selbst antisemitische Vorfälle erlebt haben: 41 Prozent von extremistischen Muslimen, 20 Prozent von Rechtsradikalen und 16 Prozent von Linksradikalen und fünf Prozent von extremistischen Christen.[4] Anlässlich der Aktion „Berlin trägt Kippa“ vor einem Jahr kommentierte die Neue Züricher Zeitung: „Der Antisemitismus ist zurück auf Deutschlands Strassen, und er wuchert und wächst. Jüdisches Leben findet, wenn überhaupt, dann nur noch unter Polizeischutz statt. Schmierereien auf Friedhöfen und in Gedenkstätten gehören zum Alltag. Synagogen und Gemeindeschulen müssen rund um die Uhr bewacht werden. (…) Doch statt die Täter abzuschrecken setzt der Staat auf Sonntagsreden und betroffene Gesichter. (…) Die Deutschen sind Meister in der Erinnerung an jene Menschen, die ihre Vorfahren ermordet haben, aber sie versagen beim Schutz der lebenden Juden.“[5] Ist Antisemitismus also ein deutsches Phänomen? Ein Blick nach Frankreich zeigt, dass dies nicht so ist. Dort richten sich 40 Prozent der rassistischen Attacken gegen Juden, die 1 Prozent der Bevölkerung ausmachen. 20.000 von einer halben Million französischen Juden sind emigriert. Laut dem französischen Soziologen Danny Trom führt dieser Exodus zu einem Europa ohne Juden. Seiner Meinung nach lehnt „Die »Ethik des schlechten Gewissens« (…) Grenzen ab und heißt Flüchtlinge willkommen, als wären sie Juden, die man im Nachhinein retten kann. Europa ist kosmopolitisch und pazifistisch, Israel bekennt sich zum Nationalismus und baut eine Mauer. Es »demütigt die Palästinenser« und werde als kolonialer Staat wahrgenommen.“[6] Mit dieser Momentaufnahme der Erfahrungen, die er – wie viele Juden – persönlich gemacht hat, schrieb neulich der deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn: „Wer vom muslimischen und vom linken Antisemitismus nicht reden will, sollte auch vom rechten schweigen.“[7] Wenn wir das Thema Antisemitismus behandeln, bewegen wir uns auf einem verminten Gelände. Nirgendwo sonst kommen die ideologischen Vorannahmen stärker zum Vorschein.

Vor gut einem Jahr war ich auf einer Fortbildung mit Lehrern, die an einem Studienaufenthalt an der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem teilgenommen hatten. Bei einem Nachtreffen in der Landesakademie Bad Wildbad traf sich nun quasi die Speerspitze derer, die an baden-württembergischen Schulen den Kampf gegen Antisemitismus führen sollen. Ein Referententeam versuchte, eben diese drei Aspekte von Antisemitismus, die Wolfsohn erwähnt, zu thematisieren: den rechten, den linken und den muslimischen. Die Darstellung des muslimischen Antisemitismus brachte einige linksorientierte Kollegen so in Rage, dass ein geordnetes Vortragen unmöglich war. Die Leugnung des muslimischen Antisemitismus und eine Israelkritik gingen Hand in Hand. Ich und viele andere waren zutiefst schockiert. Ich fragte mich, worin die Problematik liegt, Ross und Reiter zu benennen. Sie dürfte in der Funktion der Rhetorik der gegenseitigen Anschuldigung liegen: „Wer andere anklagt, kann sich selbst entlasten. (…) Die eine Seite meint: Anstatt über einen angeblichen islamischen Antisemitismus zu reden, sollen die sich doch lieber um ihren eigenen Antisemitismus kümmern! Und die anderen: Den Antisemitismus haben die Migranten mitgebracht! Wir haben damit nichts zu tun! Jeder steht unter Verdacht, nur man selbst ist davon ausgenommen.“[8] Michael Blume, der Antisemitismusbeauftragte der baden-württembergischen Landesregierung, stellt fest: „Antisemitismus tritt in jedem Milieu und jeder Gesellschaft mit vergleichbaren, oft gar austauschbaren Mythen auf und lässt sich nie nur den anderen zuschieben.“[9]

Der Blick zurück

Der Antisemitismus hat eine über 3.500-jährige Geschichte. Zum ersten Mal zeigte er sich, als ein Familienverband wegen einer Hungersnot in Kanaan auf der Flucht nach Ägypten war – wahrscheinlich aus Gründen eines Klimawandels. Als sich die Hebräer innerhalb weniger Generationen in Ägypten vermehrten, brachte das die Führung des Landes in Schnappatmung. In Exodus 1,7-9 lesen wir:

„Die Israeliten aber waren fruchtbar, und es wimmelte von ihnen, und sie mehrten sich und wurden überaus stark, sodass von ihnen das Land voll ward. Da kam ein neuer König auf in Ägypten, der wusste nichts von Josef und sprach zu seinem Volk: Siehe, das Volk der Israeliten ist mehr und stärker als wir.“ 

Das Volk Israel, das aus einem Familienverband eine Nation geworden und in einen ewigen Bund mit Gott getreten war, galt seither immer wieder als ein Stein des Anstoßes: Wir sehen dies u.a. in der Zeit des Babylonischen Exils 587 v. Chr. im biblischen Buch Esther. Hier wird der Hass eines Mannes gezeigt, der dazu führte, dass die Juden mit der physischen Vernichtung bedroht waren. Ein weiteres Beispiel ist die Zerstreuung der Juden in alle Himmelsrichtungen durch die Römer nach dem Jüdischen Krieg mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahr 70 n. Chr. Der Antisemitismus wird auch in den verschiedenen Pogromen, Übergriffen und Vertreibungen im Hochmittelalter in England, Frankreich und Deutschland deutlich, sowie bei der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492. Die Liste der Pogrome, vor allem in Osteuropa, ließe sich fortsetzen. Erwähnenswert ist in dem Zusammenhang auch die Ausweisung der Juden hier aus Württemberg zwischen 1477-1498 und das Niederlassungsverbot, das erst Anfang des 19. Jh.s gelockert wurde.

Antisemitismus – Muster der Kontinuität und des Wandels

Historisch lassen sich drei Hauptströmungen des Antisemitismus ausmachen: der religiöse Antisemitismus, die allgemeine Judenfeindschaft und der rassische Antisemitismus. In der ersten Form haben wir z.B. das Motiv der Juden als Christusmörder, in der zweiten Form werden Juden als Betrüger und heimliche Weltbeherrscher dargestellt, und zuletzt wird in der rassischen Form die Herkunft, das gemeinsame Blut, als Schicksalsgemeinschaft gesehen, an der Juden keinen Anteil haben und somit nicht Teil der Nation sein können.

Wenn wir auf den Antisemitismus schauen, gibt es zum einen das Muster der Kontinuität, also das, was über lange Zeiträume gleichbleibt, und das Muster der Veränderung.[10] Der Antijudaismus weist ein stetiges Muster auf: Die Vorurteile sind religiöser Natur. Ab dem Hochmittelalter zeigte sich in der christlichen Theologie eine Vorstellung der Überlegenheit gegenüber dem Judentum. Sichtbar, ja geradezu greifbar, wird das in der Darstellung der Kirche und der Synagoge am Südportal des Straßburger Münsters. Dort wird die Synagoge mit verbundenen Augen, dem gebrochenen Stab und der Torarolle, die ihr aus der Hand gleitet, dargestellt, während die Kirche als stolze Frau dargestellt ist, die eine Krone trägt, ein Kreuz in der einen und einen Kelch in der anderen Hand hält, als Zeichen des neuen Bundes. Ebenso finden wir viele antijüdische Ausfälle in den Spätschriften Martin Luthers.

Ecclesia und Synagoga am Südportal des Straßburger Münsters

Ein weiteres Motiv des Antisemitismus ist der seit dem Altertum auftretende Stereotyp des betrügenden Juden. Besonders stark wirkte sich das Zinsverbot des 4. Laterankonzils von 1215 aus, das den Juden vor allem den Handel mit Trödel und verfallenen Pfändern zuwies und ihnen so über Jahrhunderte kaum eine andere Möglichkeit des Einkommens zuließ. Schließlich ist das Motiv der Weltverschwörung geläufig: Von dem Ritualmord von Norwich in England 1144 über den Ausbruch der Pest 1349, den Vorwürfen der Brunnenvergiftung und der Hostienschändung bis hin zu den „Protokollen der Weisen von Zion“ im zaristischen Russland zieht sich dieses Motiv durch die europäische Geschichte, das die Juden als Sündenböcke brandmarkte und sie für alles mögliche Unheil verantwortlich machte.

Neben diesen kontinuierlichen Mustern gibt es aber auch die der Veränderung. Besonders interessant ist hier das 19. Jh., weil die Juden durch die allgemeinen Emanzipationsgesetze gleiche Rechte erwarben und aus der jahrhundertealten gesellschaftlichen Randstellung herauskamen. Ein Blick in die Regionalgeschichte des deutschen Südwestens ist da erhellend: Vor 1828 waren Juden in Württemberg juristisch dem Rest der Bevölkerung nicht gleichgestellt. Aus der gesellschaftlichen Randstellung kamen sie heraus und wurden Teil der Gesellschaft. Waren 1812 noch 85,5 Prozent der Juden im Schacherhandel tätig, so sank dieser Anteil bis 1852 auf 17,7 Prozent. Bürgerliche Berufe nahmen im selben Zeitraum zu: 5,4 Prozent in Wissenschaft und Kunst, 10,3 Prozent in der Landwirtschaft und 64,3 Prozent in Handwerk und Handel.[11] Das Motiv, das in dieser Zeit aufkam, war das, dass Juden alles kontrollieren würden. Im 19. Jh. kam es unter Juden zu einem sozialen Aufstieg. Die Juden gehörten weder dem Adel noch der ländlichen Bauernschaft an. Als Teil der Mittelschicht bot sich ihnen aber ein größeres Betätigungsfeld an. Das wird anhand des Dorfes Unterschwandorf bei Nagold deutlich: Lange Zeit hatte der Ort eine jüdische Bevölkerung, diese verschwand im 19. Jh. innerhalb von gut 30 Jahren, da es sie in die größeren Städte zog.[12] Wie wurde die Veränderung der Juden von der Mehrheitsgesellschaft meist interpretiert? Die positiven Eigenschaften von Zusammenhalt, Einheit und Solidarität wurden negativ interpretiert: Die Juden handeln in ihrem eigenen Interesse.

Beschäftigung von Juden in Württemberg nach Bereichen

          Entwicklung der jüdischen Einwohnerschaft von Unterschwandorf

In der zweiten Hälfte des 19. Jh.s setzte die Industrialisierung ein. Tausende von verarmten Bauern zog es in die industriellen Zentren. Für viele verschärfte sich die soziale Frage. Juden waren auf diesen Sprung häufig besser vorbereitet, weil sie im Handel schon Erfahrung hatten. Wozu führte dies? Zu dem Vorwurf: Die Juden wollen die Führungsrolle übernehmen. Mit dem Aufkommen des Nationalismus und Ethnozentrismus kam in Europa eine neue Form, der rassische Antisemitismus. Ein Vorwurf lautete: „Die Juden können nicht Teil der Nation sein, weil das gemeinsame Blut das gemeinsame Schicksal ist.“ Die doppelte Loyalität der Juden zu ihrem Volk und ihrer Religion war für die Antisemiten ein dauerhafter Stein des Anstoßes. Der Vorwurf lautete: „Ihr könnt nicht beten: »Nächstes Jahr in Jerusalem« und dann behaupten, gute Deutsche zu sein. Wenn ihr das betet, warum geht ihr nicht dorthin?“

Auf den nationalsozialistischen Antisemitismus möchte ich hier nicht weiter eingehen. Dazu kann ich auf die von mir herausgegebene Lokalstudie der Ausgrenzung und Verfolgung von Juden im Kreis Calw zwischen 1933-1945 verweisen.[13] Nur so viel: Für die Nationalsozialisten war das Adjektiv jüdisch jedem Phänomen der modernen Welt zugewiesen, das den Nationalsozialisten widerwärtig erschien: „Dann waren einige Juden verantwortlich für den Bolschewismus, Kommunismus, Marxismus, Sozialismus, Liberalismus, Kapitalismus, Konservatismus, Pazifismus, Kosmopolitismus, Materialismus, Atheismus und Demokratie, für die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg, die Novemberrevolution von 1918 und die Weimarer Republik, für die Weimarer Unterhaltungskultur in den Kabaretts und der Clubszene, genauso wie für sexuelle Freiheit, Psychoanalyse, Feminismus, Homosexualität und Abtreibung, für die Vertreter der Moderne, für atonale und Jazz Musik, für die Bauhaus Architektur und für das abstrakte Malen, das im Impressionismus, Postimpressionismus, Kubismus, Dadaismus und Expressionismus vertreten wird.“[14]

Formen des Antisemitismus seit 1945

Nach der Shoa gab es wieder einige Wandlungen des Antisemitismus. Es entstand der sekundäre Antisemitismus: Die Scham- und Schuldabwehr der Shoa ist hier das zentrale Motiv. Diedeutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg werden verharmlost oder relativiert. Die Zahlungen von Wiedergutmachung und Restitutionen werden zurückgewiesen. Die Täter- und Opferrollen werden umgekehrt und Juden wird der Vorwurf gemacht, sie würden den Völkermord nutzen, um Vorteile zu erzielen. Schließlich gibt es die Forderung nach einem Schlussstrich in der Erinnerungskultur.[15]

Eine weitere Wandlung betrifft den Hass auf Juden und dessen Begründung: Juden wurden wegen ihrer Religion gehasst, dann wegen ihrer Rasse, dann wegen ihres Nationalstaats. Die Begründung des Hasses berief sich jeweils auf die höchste Quelle der Autorität: Im Mittelalter war das die Religion, seit der Aufklärung war es die Wissenschaft, heute sind es die Menschenrechte. So wird der Staat Israel heute beschuldigt, gegen fünf Kardinalsünden der Menschenrechte zu verstoßen: Rassismus, Apartheid, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ethnische Säuberungen und versuchter Völkermord.[16] Die Parallelisierung der israelischen Politik mit dem NS-Regime liegt in der Argumentation auf der Hand. Hier hilft der 3-D-Test, umzu sehen, wo Kritik in Antisemitismus übergeht: bei einer Dämonisierung, bei Doppelstandards und bei der Delegitimierung. Antisemitisch ist demnach, wenn diese drei Fragen positiv beantwortet werden: Werden Israelis dämonisiert? Wird der Staat Israel delegitimiert? Werden an Israel doppelte Standards gelegt, die man anderen Staaten nicht legen würde?[17]

Der ehemalige Großrabbiner Großbritanniens, Lord Jonathan Sacks, formulierte es so: „Antisemitismus bedeutet, dass man den Juden das Recht verweigert, kollektiv als Juden zu existieren mit denselben Rechten wie jeder andere auch.“[18]

Eine weitere Veränderung zeigt sich im muslimischen Antisemitismus: Das Epizentrum des Antisemitismus verschiebt sich von Europa in den Nahen Osten.[19] Der muslimische Antisemitismus greift auch auf europäischen Antisemitismus zurück, wird insbesondere auf den Nahost-Konflikt bezogen und wird stark durch die neuen Medien und das soziale Umfeld geprägt. Der Antisemitismus mutiert mit dem Judenhass und Rassismus zum Verschwörungsglauben und stützt sich primär auf das Medium der populistischen Rede und der Mythen einer bedrohlichen Weltverschwörung.[20] Er tritt immer dann auf, wenn bestimmte Gruppen meinen, dass ihre Welt aus den Fugen gerät. Es ist eine Art Wahrnehmungsdefizit, das nach Lord Jonathan Sacks entsteht, wenn eine Politik der Hoffnung zugunsten einer Politik der Angst aufgegeben wird, aus der dann bald eine Politik des Hasses wird.[21] Wenn wir also auf den Antisemitismus der Gegenwart schauen, dann sehen wir ein Koordinatensystem, in dem sich der Antisemitismus häufig spiralförmig entwickelt und mutiert. Er ist nicht nur auf der politischen Achse zwischen „rechts“ und „links“, auch nicht nur auf der religiösen Achse mit den nachjüdischen Religionen des Christentums und des Islams zu verorten. Es ist immer auch die kulturelle Achse zu berücksichtigen, deren Spektrum von dem mimetischen Sündenbockmechanismus[22] bis zu einem mythischen Verschwörungsglauben reicht.

Antisemitismus heute

Eindrücklich appelliert daher Lord Jonathan Sacks: „Der Hass, der mit den Juden beginnt, endet nie mit Juden. Antisemitismus hat nicht in erster Linie mit Juden zu tun, sondern in erster Linie mit der Unfähigkeit, Verantwortung für die eigenen Fehler zu übernehmen und aus eigener Anstrengung die eigene Zukunft aufzubauen. Keine Gesellschaft, die dem Antisemitismus Raum gab, hat je Freiheit oder die Menschenrechte oder Religionsfreiheit aufrechterhalten. Jede Gesellschaft, die von Hass getrieben wird, beginnt damit, dass sie versucht, ihre Feinde zu zerstören, aber am Ende zerstört sie sich selbst.“[23]

Dass der gegenwärtige Antisemitismus Schulen in Baden-Württemberg vor gewaltige Herausforderungen stellt, wurde bei dem Fachtag „Umgang mit Antisemitismus an Schulen“ am 5. Juli 2019 in Stuttgart deutlich. Das baden-württembergische Kultusministerium hat die Dringlichkeit des Themas wahrgenommen und richtet sich strategisch aus, wie antisemitischen Haltungen begegnet werden kann. Im Herbst 2019 soll die Handreichung „Umgang mit Antisemitismus an Schulen“ zur Verfügung stehen. Sie soll fachdidaktische und pädagogische Grundlagen sowie konkrete Unterrichtsvorschläge enthalten mit dem Ziel, die Schulen bei der Bekämpfung von Antisemitismus wissenschaftlich fundiert und praxisnah zu unterstützen.[24]

Gabriel Stängle, Jg. 1972, verheiratet, drei Kinder, unterrichtet und forscht als Realschullehrer in Nagold.


Anmerkungen:

[1] Benz, Wolfgang. 2019. Das Gerücht. Antisemitismus-Debatte in Deutschland, in: Herder Korrespondenz 1/2019, S. 13 Ähnlich auch Shimon Stein und Moshe Zimmermann. 2019. Gut gemeint ist nicht gut genug, in: FAZ vom 27.02.2019.

[2] Benz 2019:15.

[3] Mehr Antisemitismus in Berlin, in: FAZ vom 18.04.2019.

[4] Blume, Michael. 2019. Warum der Antisemitismus uns alle bedroht. Wie neue Medien alte Verschwörungsmythen befeuern. Ostfildern: Patmos, S. 31+39 und FRA (Hg.). 2018. Experiences and perceptions of Antisemitism. Second Survey on Discrimination and hate crimes against Jews in the EU. European Union: Agency for Fundamental Rights, S. 20, 47 und 54.

[5] Serrao, Marc Felix. 2018. Deutschland denkt nur an seine toten Juden, in: NZZ vom 2.05.2018.

[6] Altwegg, Jürg. 2019. Europa ohne Juden? in: FAZ vom 19.02.2019.

[7] Wolffsohn, Michael. 2019. Rituelles Holocaust-Gedenken kann zur Falle werden, in: NZZ vom 31.01.2019.

[8] Bethke, Hannah. 2019. Lebendige Ressentiments. Ein Sammelband diskutiert den neuen Antisemitismus, in: FAZ vom 13.04.2019.

[9] Blume 2019:31.

[10] Die Ausführungen orientieren sich an der Vorlesung von Dr. Rafi Vago, From 19th century to Nazi Antisemitism, in Yad Vashem am 31.10.2017.

[11] www.wikipedia.de Gesetz in Betreff der öffentlichen Verhältnisse der israelitischen Glaubensgenossen. (Zugriff 8.08.2019).

[12] www.alemannia-judaicia.de Unterschwandorf (Zugriff 8.08.2019).

[13] Stängle, Gabriel et al. 2017. „Wir waren froh, als es vorbei war“: Die Ausgrenzung und Verfolgung von Juden im Kreis Calw zwischen 1933-1945. Horb am Neckar: Geigerdruck.

[14] Confino, Alon. 2014. A World without Jews: The Nazi Imagination from Persecution to Genocide. New Haven/London: Yale University Press, S. 31.

[15] Benz 2019:13.

[16] Sacks, Jonathan. 2016. Stoppt Antisemitismus jetzt, solange noch Zeit ist. Ansprache von Rabbi Lord Jonathan Sacks an das Europäische Parlament, in: Denkendorfer Kreis für christlich-jüdische Begegnung. Rundbrief August 2017, S. 25.

[17] Sharansky, Natan. 2004. 3D Test of Anti-Semitism: Demonization, Double Standards, Delegitimization, in: Jewish Political Studies Review 16:3-4 (Fall 2004).

[18] Sacks 2016:24.

[19] Sacks 2016:25.

[20] Blume 2019:177-178.

[21] Sacks 2016:26.

[22] Girard, Rene. 1988. Der Sündenbock. Aus dem Französischen von Elisabeth Mainberger-Ruh. Zürich/Düsseldorf: Benzinger.

[23] Sacks 2016:26.

[24] PM des baden-württembergischen Kultusministeriums vom 5.07.2019.