Mit anderen Augen

Von Henrik Mohn

Perspektiven für den pädagogischen Alltag zur Weitergabe des Evangeliums für Scham-, Schuld- und Angstkulturen

Der Kerngedanke der Globalisierung ist, dass Menschen global miteinander handeln, sich gegenseitig austauschen und voneinander profitieren können. Doch der wirtschaftliche Aspekt steht beim globalen Austausch von Gütern, Kapital, Wissen und Ideen oftmals im Vordergrund. In der tagtäglichen Arbeit mit Heranwachsenden aus unterschiedlichen Kulturen geht es um viel mehr als Daten, Zahlen und Fakten. Der Dialog zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen ist nicht nur für Politik, Wirtschaft und Medizin eine Herausforderung, sondern Alltag in den Schulen unserer Republik. Und das nicht erst seit 2015.

Der amerikanische Missionswissenschaftler Jayson Georges hat Perspektiven erarbeitet, um Menschen anderer Kulturen das Evangelium zu erklären.[1] Als christliche Pädagogen haben wir die Freiheit, unseren Mitbürgern kulturübergreifend die Frohe Botschaft von Jesus Christus zu bezeugen.

Dreidimensional

Ethnologen unterscheiden heutzutage zwischen Scham-, Schuld- und Angstkulturen. Anders ausgedrückt ist ein wichtiger Aspekt dieser Kulturen entweder die Ehre, ein ruhiges Gewissen oder (Voll-)Macht. Nicht zu vergessen dabei ist, dass jeder Mensch jeder Kultur auch Elemente anderer Kulturen in sich trägt. „Um Menschen aus vielen Kulturen dieser Welt das Evangelium zu erklären“, betont Georges, „ist ein erweiterter, dreidimensionaler Ansatz erforderlich, der über die Botschaft der Vergebung unserer Schuld durch Jesus Christus hinausgeht“[2]. Als Pädagogen, die immer stärker in Klassen mit einem heterogenen kulturellen Hintergrund unterrichten, müssen wir lernen, die Schülerschaft nicht nur mit unserer kulturellen Brille zu sehen. Beruhigend dabei ist, dass die Bibel diese dreidimensionale Sicht des Evangeliums entfaltet, sowohl in Bezug auf Gottes Vergebung als auch auf seine Ehre und Macht!

Der amerikanische Linguist Eugene Nida führte die Dreiteilung der Kulturen ein. Er sagte: „Wir müssen davon ausgehen, dass es drei verschiedene Arten von Reaktionen auf Verletzungen von religiös verankerten Normen gibt: Angst, Scham und Schuld.“[3] Diese Dreiteilung haben Missionswissenschaftler im Umgang des Menschen mit Sünde in vielen Kulturen weltweit beobachtet.

Drei Arten von Kulturen[4]

a) Schuld-Unschuld-Kulturen

Darunter versteht man individualistische Kulturen (meist westlich), in denen Menschen als schuldig betrachtet werden, wenn sie das Gesetz brechen. Angehörige solcher Kulturen versuchen, Unrecht durch Wiedergutmachung oder Vergebung zu begleichen.

b) Scham-Ehren-Kulturen

Sie sind kollektivistisch geprägt und meist eher in den östlichen Ländern anzutreffen. Wer gegen die Erwartungen seiner Gruppe (Familie, Sippe, Stamm, Volk) handelt, bringt damit Scham oder Schande auf sich. Um dieses Problem zu lösen, versucht er, seine Ehre vor der Gruppe wiederherzustellen.

c) Angst-Macht-Kulturen

Diese finden wir in vielen Naturvölkern und indigenen Stämmen. Die Menschen haben Angst vor dem Bösen, vor Geistern, Naturphänomenen und Unheil aller Art. Sie versuchen, durch magische Rituale Macht über die Geisterwelt zu gewinnen und sie zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

Diese drei Kulturtypen bestimmen, wie wir Menschen unsere Welt sehen. Georges schreibt dazu: „Die kulturelle Orientierung einer Person (ihre Gruppenprägung) bestimmt ihr Weltbild, ihre Ethik, Identität und ihre Vorstellung von der Erlösung weitaus mehr als die individuelle Persönlichkeit des Einzelnen.“[5]

 

Grafik entnommen aus: Georges, J.: Mit anderen Augen, S. 33.

Die kulturelle Welt verstehen

Die europäische Theologie spricht sehr viel von Schuld und Unschuld. Dennoch haben Menschen anderer Kulturen rund um den Globus eine Sehnsucht nach Ehre, um Schande abzuwenden, oder nach Macht, um ihre Angst zu überwinden. Und ist es nicht auch der Kontext der Bibel, der auf Scham und Angst basiert? Wie viele unserer Heranwachsenden entstammen solchen Kulturen, die wir als Europäer kaum kennen und verstehen?

Doch man kann eine Kultur nicht allein auf eine dieser drei Perspektiven reduzieren. Vielmehr spielen alle drei Bereiche dynamisch zusammen und überschneiden sich in allen Gesellschaften. Das gilt es zunächst für sich selbst, aber dann auch für seine Klasse zu erkennen. Schlussendlich finden wir in jedem kulturellen Weltbild eine einzigartige Mischung aus Schuld, Scham und Angst.[6] Erwähnenswert in diesem Kontext ist auch die Tatsache, dass jede Kulturgruppe das Individuum anders belohnt. „Der Kulturtyp beeinflusst, wie eine Gruppe ihre Mitglieder belohnt (Unschuld, Ehre, Macht) oder bestraft (Schuld, Scham, Angst).“[7]

Beim Betrachten dieser Sachverhalte wird deutlich, wie ein Mensch in der jeweiligen Gesellschaft sein soll. Wer Regeln und Gesetze befolgt, möchte unschuldig vor den Institutionen sein, da er sonst für schuldig befunden wird. Die Erwartungen der Gruppe zu erfüllen und sich seiner Rolle gemäß einzufügen, schenkt Würdigung und Ehre. Wer Rituale und Methoden anwendet, der möchte mächtig im geistlichen Bereich sein, sonst ist man unter Umständen kraftlos und ungeschützt. Dieses Denken im kulturellen System einer Gesellschaft bestimmt, wie sich ein Mensch fühlt, der gegen deren Normen verstoßen hat (Schuld, Scham oder Angst). Indem wir die knapp acht Milliarden Menschen in drei Kategorien unterscheiden, gewinnen wir einen hilfreichen Überblick über die politischen und religiösen Besonderheiten der heutigen Welt. „Die Dreiteilung in Schuld-, Scham- und Angst-Kulturen hilft, unsere Welt mehr als ein großes Ganzes zu verstehen.“[9] Und herrscht diese globale kulturübergreifende Zusammensetzung nicht auch in unseren Klassenzimmern vor?

Gedankenanstoß: Nehmen Sie die Liste ihrer Klasse zur Hand und überlegen sie, in welche dieser drei Kulturen ihre Schüler zuzuordnen sind. 

Kontextualisierung des Evangeliums

Es hilft uns christlichen Pädagogen, wenn wir die Frohe Botschaft des Evangeliums ganzheitlicher verstehen und sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Das Evangelium selbst ist eine ganzheitliche Erzählung, in der Vergebung, Ehre und Macht miteinander verwoben sind. „In der Bibel spricht Gott die zentralen Herzenswünsche jeder Kultur gleichermaßen an: Unschuld, Ehre und Macht“, so Georges.[10]

Nach Matthäus 28 gab Jesus seinen Jüngern den Auftrag, in alle Himmelsrichtungen zu gehen, um Menschen zu Nachfolgern Jesu zu machen und aufzuzeigen, wie wunderbar das Leben ist, das Gott uns in Jesus Christus schenkt. Natürlich darf nicht verschwiegen werden, dass jeder von uns von seinem eigenen kulturellen Kontext geprägt ist. Deshalb erzählen wir das Evangelium meist genau auf die Art, wie wir es selbst für uns entdeckt und unsere gemeindliche Tradition es uns gelehrt hat. Aber mit dem dreidimensionalen Ansatz können wir neue Impulse erhalten, um den Kontext, aus dem der Schüler herauskommt, besser zu verstehen. Hierzu ist die Übersicht „Systematisierte theologische Kategorien“[11] aus dem Buch „Mit anderen Augen“ von Jayson Georges eine gute Hilfestellung.

Der Einblick in das Denken und die Prägung anderer Kulturen ist wichtig, notwendig und hilfreich. Es darf dabei aber nicht die Tatsache der Schuldhaftigkeit vor Gott aufgrund des sündigen Zustandes der menschlichen Natur außer Acht gelassen werden, die u. a. eine der zentralen Botschaften der Bibel ist. Völlig kulturunabhängig erhält der Gottferne Zugang zur Gnade Gottes, indem er seine Sündhaftigkeit bekennt, an das stellvertretende Opfer Jesu Christi glaubt und so Gottes Gnade in Empfang nehmen darf (vgl. Epheser 2,8-9; 1. Johannes 5,10 ff).

Gedankenanstoß: Versuchen Sie, den Begriff „Gott“, „Sünde“, „Jesus“ oder „Erlösung“ mithilfe der Tabelle für eine der drei Kulturtypen zu erläutern. Schreiben Sie Ihre Erklärung auf. Sie sollte nicht mehr als eine halbe Seite umfassen und in Umgangssprache formuliert sein.

Evangelisation und Unterricht

In der Verfassung des Landes Baden-Württembergs[12] und dessen Schulgesetz ist in Bezugnahme auf das Christentum das Folgende verankert:

Art. 12: „Die Jugend ist in Ehrfurcht vor Gott, im Geiste der christlichen Nächstenliebe, zur Brüderlichkeit aller Menschen und zur Friedensliebe in der Liebe zu Volk und Heimat, zu sittlicher und politischer Verantwortlichkeit, zu beruflicher und sozialer Bewährung und zu freiheitlicher demokratischer Gesinnung zu erziehen.“

  • 1 Abs. 2 Schulgesetz: „Über die Vermittlung von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten hinaus ist die Schule insbesondere gehalten, die Schüler in Verantwortung vor Gott, im Geiste christlicher Nächstenliebe, zur Menschlichkeit und Friedensliebe, in der Liebe zu Volk und Heimat, zur Achtung der Würde und der Überzeugung anderer, zu Leistungswillen und Eigenverantwortung sowie zu sozialer Bewährung zu erziehen ...“

Dieser rechtliche Rahmen gibt Pädagogen den Auftrag, dass Bildung im Geiste christlicher Erziehung geschehen soll. Es gilt, das Evangelium in einer wirklich den Zuhörern entsprechenden Form weiterzusagen. Mithilfe der dreidimensionalen Sichtweise bieten sich hierzu drei Zugänge an:

a) Gottes Mission wird als Freispruch für Schuldige verstanden.

b) Gottes Mission wird als Annahme von Menschen in Schande verstanden.

c) Gottes Mission wird als Befreiung aus der Sklaverei der Angst verstanden.

Es ist die kulturelle Orientierung, die den Menschen beeinflusst, wie er das Evangelium wahr- und aufnimmt. In den letzten Jahrzehnten war die Kommunikation des Evangeliums in unserer westlichen Gesellschaft sehr stark auf den Freispruch von Schuld fokussiert. Exemplarisch ist das Faltblatt „Die vier geistlichen Gesetze“, das bereits Millionen von Menschen auf Jesus hin angesprochen hat. In den letzten Jahrzehnten wurde Vielen selbst im Westen immer klarer, dass die Kernbotschaft Luthers, wie bekomme ich einen gnädigen Gott im Angesicht meiner Sündhaftigkeit, Menschen kaum noch anspricht. Daher verstehen Menschen „die Erlösung besser, wenn wir in der Sprache ihrer Kultur reden“[13].     

Gedankenanstoß: Formulieren Sie für jede der drei Kulturen eine Andacht, einen Unterrichtsimpuls oder planen Sie eine Unterrichtsstunde, welche die vier geistlichen Gesetze enthält, aber kulturübergreifend vermittelt.  

Ausblick

Mit der zunehmenden Globalisierung, den gesellschaftlichen Veränderungen und der Transformation von der Industrie- zur Digitalisierungsgesellschaft stehen wir vor großen Umbrüchen. Die Botschaft des Evangeliums, die aus einem kulturellen Kontext kam, muss sich immer wieder neu in neue Kontexte „inkarnieren“. Dabei dürfen die Kernwahrheiten des Evangeliums nicht dem Zeitgeist oder der Kultur angepasst werden. Aber die Form und Vermittlung darf kulturellen Kontexten angepasst werden. Deshalb sollten wir unseren eindimensional-theologischen Tunnelblick ablegen, weil er uns in unserer Beziehung zu Gott einschränkt. Wenn wir nur eindimensional das Evangelium verkündigen, verkürzen wir u. U. die Botschaft der Bibel und geben sie so nicht ganz wahrheitsgetreu wieder. „Der dreidimensionale Ansatz kann dazu führen, dass wir unseren heiligen, herrlichen und allmächtigen Gott noch mehr anbeten.“[15]

Die Schülerschaft der 2020er-Jahre steht vor gewaltigen Herausforderungen. Wie wichtig ist es da, dass wir ihnen eine Botschaft weitergeben, die in Raum, Zeit und Kultur hineinspricht und den Einzelnen als geliebtes Geschöpf Gottes ansieht.

 

 

Anmerkungen:

[1] Die grundsätzlichen Inhalte des Artikels basieren auf den Erkenntnissen des amerikanischen Missionswissenschaftlers Jayson Georges und wurden gekürzt zusammengefasst. Verlagsleiter David Neufeld hat zudem den Abdruck der Grafiken genehmigt.

[2] Georges, J. (2019): Mit anderen Augen. Perspektiven des Evangeliums für Scham-, Schuld- und Angstkulturen, 2. Auflage, Cuxhaven, S. 11.

[3] Nida, E. (1954): Customs an Cultures. Anthropology for christian missions, New York, S. 150.

[4] Zitiert nach Georges, J.: Mit anderen Augen, S. 11.

[5] Ebd., S. 12.

[6] Für eine vertiefte Darstellung der einzelnen Kulturtypen siehe Georges, J. (2019): Mit anderen Augen, S. 19-30.

[7] Ebd., S. 30.

[8] Grafik entnommen aus: Georges, J.: Mit anderen Augen, S. 33.

[9] Ebd., S. 37.

[10] Ebd., S. 63.

[11] Grafik entnommen aus: Georges, J.: Mit anderen Augen, S. 59-62.

[12] Siehe www.lpb-bw.de/bwverf/bwverf.htm#Erziehung.

[13] Georges, J.: Mit anderen Augen, S. 66.

[14] Grafik entnommen aus: Georges, J.: Mit anderen Augen, S. 61 f.

[15] Ebd., S. 86.

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