Wie Lehrer Burnout vermeiden können

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Von Ulrich Giesekus // Bild: ©djoronimo /fotolia

Beim Christlichen Pädagogentag 2013 in Walddorfhäslach hielt der Psychologe Prof. Dr. Ulrich Giesekus ein Hauptreferat. Wir baten ihn, seinen frei gehaltenen Vortrag verschriftlichen zu dürfen und können deshalb mit seiner Zustimmung den Lesern von Glaube+Erziehung die wichtigsten Passagen daraus zugänglich machen. Der Redestil ist weitgehend beibehalten.

Ein zentrales Merkmal des Lehrerberufs ist, dass er ein Beziehungsberuf ist. Beziehungen mit Schülern, die Sie teilweise als Vertreter eines feindseligen Systems wahrnehmen, das die Schüler zwingt, große Teile ihrer „Frei“-Zeit an einem Ort zu verbringen, an dem sie nicht sein wollen. Sie haben Kollegen, mit denen Sie möglicherweise rivalisieren. Und wenn Sie überengagiert sind, setzen Sie die Maßstäbe hoch und bekommen vielleicht dafür „eins auf den Deckel“. Wenn Sie aber auch nur einen Handschlag zu wenig tun, gelten Sie als „fauler Sack“, der nichts hinbekommt. Und Sie haben es mit Eltern zu tun, die manchmal viel besser wissen, wie man unterrichten sollte. Sie finden auch viele Informationen auf dieser Website.

Der Mensch ist ein auf Beziehungen angelegtes Wesen. Wenn Beziehungen schwierig werden, meldet unser Gehirn ein Bedrohung – mit der Folge, dass unsere Gesundheit enorm gefährdet ist. Was sich da neurophysiologisch im Gehirn abspielt, heißt Stress. Das ist eine Reaktion, bei der unser Großhirn deaktiviert wird: das bewusste Wahrnehmen und Steuern, das Denken und Werten, das lexikalische Gedächtnis sind weniger aktiv. Das Zwischenhirn, das limbische System, wo die emotionale Intelligenz, unsere gefühlsmäßigen Bewertungen, unser Gefühlsgedächtnis angesiedelt sind, wo Bindung und Zugehörigkeit empfunden werden, schalten die „roten Lämpchen“ an.

Stress im Gehirn

Hoch aktiviert ist dagegen der Hirnstamm: die elementaren, reflexartigen Steuermechanismen kommen in Gang, so wie beim Schwitzen, wenn es heiß wird, Gänsehaut kriegen, wenn es kalt ist, die Fäuste ballen, wenn wir wütend sind. Wir sind angespannt. Wird bei Stress der Hirnstamm auf diese Weise aktiviert, fangen wir an, instinktiv und automatisiert zu handeln.

Wenn zum Beispiel ein Elternteil auf mich zukommt und sagt: „Wie können Sie nur …!“, dann aktiviert sich mein Kampf- und Fluchtsystem. Dieser Stress schränkt meine Leistungskraft und Konzentrationsfähigkeit ein, übrigens auch die Kreativität. Ideen entwickeln ist unter Stress schwieriger. Stress macht krank.

Symptome von Burnout

– Anhaltende Erschöpfung

– Ineffizienz trotz hohen Einsatzes

– Gefühl der Sinnlosigkeit und Vergeblichkeit

– Innere Distanz zum Beruf, Zynismus in beruflichen Begegnungen

Manche Leute sagen: Wenn ich Stress habe, muss ich eben weniger arbeiten. Das ist meistens ein Trugschluss. Was uns Stress macht, hat mit einer Serie von Weichenstellungen zu tun. Es hängt davon ab, wie wir Stressoren verarbeiten. Wenn ich negative Dinge auch von ihrer positiven Seite ansehen kann, dann habe ich zum Beispiel nicht so viel Stress.

Stressfaktor Arbeit

Forschungen über beruflichen Stress und die Stressoren zeigen: Nicht die Menge der Aufgaben ist entscheidend, sondern die Art der Tätigkeit. Viele Burnout-Patienten leiden nicht an einem Zuviel an Arbeit. Auch Langzeitarbeitslose können zum Beispiel unter Burnout (neudeutsch: Boreout) leiden. Das zeigt: Arbeit ist nicht nur ein Stress-Faktor, sondern kann ein Präventiv-Faktor sein. Aus der Forschung bei gesunden Personen wissen wir, dass Arbeit ein wichtiger Faktor für die Gesundheit darstellt.

Ich kenne Klienten aus der Beratung, die sagen: „Ich reduziere jetzt meine Arbeit.“ Doch das Ergebnis ist unter Umständen, dass die Stressfaktoren größer werden. Das ist paradox. Wenn Menschen weniger arbeiten, aber eine Arbeit haben, die von der Qualität her nicht ihren Begabungen entspricht, werden sie, auch wenn sie noch weniger arbeiten, immer weniger die Chance haben, diejenigen Dinge zu tun, die sie gerne machen.

Lehrertypen

Nur 20 Prozent der Lehrer sind – gemäß einer Studie der PH Weingarten – mit ihrem Beruf wirklich glücklich. Eine Freiburger Studie sagt: Nur 20 Prozent aller Lehrer sind wirklich gesund, sind engagiert und erholungsfähig, bringen sich leidenschaftlich in ihren Beruf ein und finden ihn gut.

Dann gibt es noch einmal 20 Prozent, die sind ebenfalls engagiert, aber nicht erholungsfähig, das heißt, sie nehmen die Probleme mit nach Hause. Sie grübeln, wachen um 4.00 Uhr auf und denken darüber nach, was in der Schule passieren kann. Wenn sie Freizeit haben, haben sie nicht frei, sondern denken über die Dinge nach, die schief gehen könnten.

Die Frage, ob Sie ein glücklicher oder gesunder Mensch sind, hängt wahrscheinlich mehr davon ab, was Sie in der Zeit tun, in der Sie nicht arbeiten. Wenn Sie aber mit Engagement und mit innerer Berufung arbeiten, ist das eindeutig ein riesiger Schutzfaktor.

Arbeitsstile

G: engagiert und erholungsfähig, angemessene Distanz (15 bis 20 Prozent)

A: engagiert, aber nicht erholungsfähig, angespannt (20 Prozent)

B: ausgebrannt, erschöpft (30 Prozent)

S: schont sich, unengagiert (30 bis 35 Prozent)

(Freiburger Studie, nach Bauer, 2007)

Weitere 30 Prozent der Lehrer fühlen sich – nach der Freiburger Studie – ausgebrannt und erschöpft. Ein knappes Drittel (30 bis 35 Prozent) der Lehrer aber gehört zu der Kategorie „schont sich“. Sie schieben eine ruhige Kugel. Wenn Sie sich die Burnout-Zahlen anschauen, dann ist es interessant, dass Lehrer aus dieser S-Gruppe nicht selten von Burnout betroffen. Lehrer, die Dienst nach Vorschrift machen, die mit irgendwelchen Jammerargumenten jede zusätzliche Aufgabe ablehnen und die ihr Auto vor der Schule so parken, dass es in Abfahrt-Richtung geparkt ist. Diese Lehrer, die in der Minderheit sind, sind es aber, die den schlechten Ruf der Lehrer ausmachen („der beste Halbtagsjob der Welt“). So finden wir beide Typen mit Erschöpfungsdepressionen in der Klinik: die Überengagierten und die Unengagierten.

Faktoren für die Qualität von Arbeit

– Begabungen entfalten können

– Selbststeuerungsmöglichkeiten

– Sinn der Tätigkeit

– Beziehungen / Konflikte (beruflich und privat)

Was macht also krank? Nicht die Quantität der Arbeit, sondern die Qualität der Arbeit macht krank. Und die Qualität der Arbeit wird vor allem durch vier Faktoren bestimmt:

Faktor 1: Eigene Begabungen entfalten

Wer seine Begabung im Beruf nicht entfalten kann, ist in jedem Beruf unglücklich. Ich muss also wissen, was meine Begabungen sind. Ich muss die Fähigkeit haben, in den Spiegel zu schauen und zu mir zu sagen: „Wow, das ist das Beste, was Gott heute meinen Schülern bringen will.“

Sie gehören als Lehrer ja zu den Menschen, die tagsüber sehr viel negatives Feedback bekommen. Doch auch Sie brauchen positives Feedback. Sie brauchen jemand, der Ihnen sagt: „Gut so! Vielen Dank!“ Das passiert Lehrern in der Schule relativ selten. Es ist wie beim Finanzbeamten: Ohne Steuern gäbe es keine Straßen, kein Bildungssystem, keine Gerichte, keine Polizei. Trotzdem sind die Finanzbeamten nicht unbedingt beliebt. Als Lehrer haben Sie wahrscheinlich den wichtigsten Job in unserer Gesellschaft. Ohne Bildung gäbe es keine Autos, keine medizinische Versorgung, keine Zeitung, keine Demokratie. Ohne Bildung wäre unsere Gesellschaft in der Steinzeit. Sie sind als Lehrer die Menschen, die dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft als Ganzes überhaupt funktioniert. Das ist Ihnen hoffentlich manchmal bewusst!

Viele Menschen entfalten ihre Begabung nicht, weil sie diese nicht wertschätzen. Ich bin auch ein Mensch mit ausgesprochenen Schwächen. Wenn ich meine Schwächen ausleben würde, würde ich heute Morgen nicht hier stehen. Doch zu fragen: „Was finde ich an mir wirklich gut?“, fällt vielen Leuten schwer. Suchen Sie sich doch einmal eine einzige Stärke aus, die Sie an sich wirklich gut finden, und sagen Sie: „Das ist ein Geschenk Gottes. Ein Geschenk an meine Schüler, meine Kollegen, an die Eltern der Schüler, die ich unterrichte. Und ein Geschenk an mich!“ Wenn Sie keine Begabungen an sich wahrnehmen, können Sie diese auch nicht schätzen. Und da zeigt die Forschung zum Thema Stress und Burnout, dass die Arbeit immer dann zum Stressor wird, wenn wir unsere Begabungen nicht entfalten.

Faktor 2: Selbststeuerungsmöglichkeiten

Wenn ein junger Mensch zum Beispiel gesagt bekommen: „Putzen Sie diese Toilette, fangen Sie links oben an und hören Sie unten rechts auf und vergessen Sie nicht …“, dann macht das jemand vielleicht drei Wochen lang. Wenn Sie aber einem Zivildienstleistenden, wie in einer christlichen Gästeeinrichtung geschehen, sagen: „Pass mal auf: diese Toilette ist die Visitenkarte des Unternehmens. Das erste, was die Gäste wahrnehmen, ist die Toilette. Und Sie sind dafür verantwortlich, die Toilette zu einem Ort zu machen, der nur positiv wahrgenommen wird. Gehen Sie doch in die drei großen Hotels in der Stadt, trinken Sie auf unsere Kosten einen Kaffee und schauen Sie, wie dort die Toiletten aussehen.“ Bei einem Führungskräftetraining haben wir so einen Fall schon besprochen und umgesetzt. Nach einem halben Jahr kam ich wieder dorthin. Es war spektakulär. Kleine schwarz-weiße Karikaturen in Edelstahlrahmen, ein Deckchen auf dem Absatz über dem Waschbecken, darauf eine Tonschale mit duftenden Rosenblättern – die Toilette, eine vorbildliche Visitenkarte des Hauses. Da zeigte sich der Unterschied zwischen einer Dienstanweisung und einem Gestaltungsauftrag.

Die Wahrnehmung „Uns wird alles vorgegeben.“, „Es gibt immer mehr Regulierung.“ kann Sie stressen. Halten Sie sich da nicht allzu sehr an Regeln! Aber sehen Sie zu, dass Ihr Unterricht und Ihre pädagogische Arbeit kein automatisiertes Vorgehen wird, sondern dass Sie Ihre persönliche Note einbringen, dass Sie – selbstgesteuert – eine pädagogische Duftnote hinterlassen.

Faktor 3: Sinn der Tätigkeit

Nehmen Sie nicht nur die Selbststeuerungspotentiale in Ihrem Beruf wahr, sondern achten Sie darauf, dass es meistens ein Symptom von Depression ist, wenn Sie sich fremdgesteuert fühlen. Wenn Sie an den Rand des Burnouts kommen, fühlen Sie sich vom Schicksal oder den Umständen Ihres Berufslebens sehr stark fremdgesteuert. Das ist aber etwas, das im Kopf passiert. Wer sich wohlfühlt, nimmt wahr, dass er seine Umwelt mitgestalten kann.

Menschen, die ihrer Tätigkeit oder auch Störungen einen Sinn geben können, haben eine große Frustrationstoleranz und sind glücklicher. Der junge Nachbar zum Beispiel arbeitet eines Tages an seinem Moped herum und probiert seinen Motor aus – und Sie wollen Ihren Mittagsschlaf machen. Jetzt können Sie sich sagen: „Toll, letztes Jahr hatte der Junge noch Drogenprobleme, da habe ich ihn gar nicht mehr an seinem Moped arbeiten hören. Jetzt hat er eine Reha gemacht und bastelt wieder an seinem Moped herum.“ – Sie drehen sich um und machen Ihren Mittagsschlaf. Die Bewertung erfolgt in Ihrem Kopf. Wenn aber irgendein Nachbar das Gleiche macht, wird Sie das unheimlich stressen.

Faktor 4: Berufliche und private Beziehungen und Konflikte

Ob Sie in Ihrer Arbeit gestresst und Burnout-gefährdet sind, hängt am stärksten davon ab, wie Sie Beziehungen und Konflikte bewältigen. Forschungen zeigen, dass schwierige Beziehungen im privaten Bereich schädlicher sind als schwierige Beziehungen im Beruf. Ich kenne einen Unternehmer, der ein tolles Projekt gelandet hat: 15 neue, hochbezahlte Stellen für Ingenieure, langfristiger Kundenstamm. Als alles in trockenen Tüchern war, kommt er nach Hause und vor der Tür sitzt sein 16-jähriger Sohn, voll betrunken, unfähig, den Schlüssel ins Schlüsselloch zu stecken. Wie lange wird der Mann sich über sein unternehmerisches Projekt freuen?

Die wichtigsten Beziehungen sind Ihre Beziehungen zu Ehepartner, Kindern, Eltern, zu Menschen, die Ihnen Lebensgefährten sind. Wenn diese Beziehungen nicht in Ordnung sind, konkurriert Ihr Beruf immer mit der Liebe und wird der Beruf immer zum Stressfaktor. Große Unternehmen haben das erkannt. Bei einer Großbank gibt es zum Beispiel das regelmäßige Angebot, kostenlos und während der Arbeitszeit Eheseminare oder Erziehungsseminare zu besuchen.

Es gibt gerade im Lehrerberuf aber viele Beziehungen, die von der beruflichen Seite her belasten können. In den Schulen sind etwa 20 Prozent der Lehrer hochengagiert. Schulleiter bestätigen mir, was Forschungen belegen: Diese engagierten Lehrer bekommen fast immer Gegenwind aus dem Kollegium, so dass sie sich dafür schämen, leistungsbereit zu sein.

Wenn zum Beispiel jemand im Lehrerzimmer sagt: „Jeder Schüler, der mich anmotzt, ist eine Herausforderung für mich.“ Oder: „Wen wollen wir erziehen, wenn nicht die, die es brauchen?“ – dann könnte es sein, dass Sie Gegenwind bekommen, weil etwa ein Drittel der Anwesenden ihren Beruf ausüben, weil sie es müssen. Sie hangeln sich irgendwie bis zur Rente durch. Stellen Sie sich einmal vor, Schüler bei einem Lehrer zu sein, der vermittelt: „Ooch, das halt ich noch durch. Das sitz ich aus.“ Das ist doch grauenvoll!

Leistung und Gerechtigkeit

An dieser Stelle einige Anregungen für die, die Verantwortung in der Schulleitung haben.

Eines der größten Probleme beim Lehrer-Burnout ist die wahrgenommene Ungerechtigkeit im Kollegium. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass in diesem Beruf Leistung kaum eine Rolle für die Bezahlung spielt. Sie können sich schon im Referendariat ausrechnen, mit welchem Gehalt Sie am Ende Ihres Berufslebens pensioniert werden – das ist ungerecht. Wenn aber die Lehrer mit hoher Leistung eins auf den Deckel bekommen, wenn ihr Einsatz als unsolidarisch wahrgenommen wird, wenn die, die die Jammerkultur definieren, ständig von Arbeit verschont werden, wird das als ungerecht empfunden und werden die Konflikte innerhalb des Kollegiums wachsen.

Konsens- und Dissenskultur

In vielen Schulen (und, nebenbei, auch christlichen Gemeinden) fehlt eine gute Konsens- und Dissenskultur. Bei manchen Unternehmen müssen Sie sich auf eine Dissenspflicht einlassen. Das heißt: Wenn Sie eine andere Meinung haben, müssen Sie diese engagiert vertreten – und zwar dann, wenn es gerade diskutiert wird. Sie haben nicht das Recht, mit einer anderen Meinung still daneben zu sitzen und sich zu sagen: Ich kann eh nichts bewirken. Gleichzeitig unterschreiben Sie eine Konsenspflicht. Wenn Sie miteinander nach einer offenen und kontroversen Diskussion zu einem Ergebnis gekommen sind, steht jeder so hinter diesem Ergebnis, als wäre es sein eigenes.

Ich kenne viele christliche Schulen (und christliche Gemeinden), da läuft es genau umgekehrt: Vorher wird nichts gesagt („Ich halt lieber den Mund, mach mich doch nicht unbeliebt.“), aber hinterher sagt man: „Ich hätte das ja ganz anders gemacht.“ Das heißt: Weder der Dissens noch der Konsens funktionieren. Weil der Dissens nicht funktioniert, funktioniert auch der Konsens nicht. Schulleiter sollten unbedingt den Dissens „herauskitzeln“, Querdenken fördern. Wenn Sie keine aufrichtigen, offenen Diskussionen im Kollegium haben, bevor Entscheidungen fallen, wenn nicht jeder das Gefühl hat, dass jede Meinung geäußert werden kann, wenn Sie nicht die Fähigkeit haben, aus dem Dissens einen Konsens herbeizuführen, entsteht eine Jammerkultur: „Wir armen Lehrer!“ Wer da nicht laut genug schreit, bekommt noch weitere Arbeit aufgebrummt. Das ist eine Kultur, die krank macht.

Ergebnisse der Glücksforschung

– Glücklich-sein ist keine Glückssache.

– Glücklich-sein ist eine Folge von Handlungen und Haltungen, gelebten Werten, Selbstwert und Lebenssinn.

– Glück ist ansteckend: Wer glücklich ist, macht glücklich.

Glückliche Menschen sind häufig mit Freunden zusammen

Die Ergebnisse der Glücksforschung zeigen: Glücklich-sein ist keine Glückssache. Glücklich-sein ist eine Folge davon, dass man Dinge anstrebt, die einen glücklich machen. Was einen übrigens nicht unbedingt glücklich macht, sind zum Beispiel Besitz oder Gesundheit.

Glückliche Menschen verbringen relativ wenig Zeit allein, sondern haben Zeit für Familie, Freunde und Bekannte. Wenn Ihr Beruf es nicht mehr zulässt, dass Sie sich mit Ihren Nachbarn zum Grillen treffen oder dass Sie in der Gemeinde noch ein bisschen bleiben und mit den Leuten reden können, dann haben Sie ein Problem.

Glückliche Menschen sind in ihren privaten Beziehungen glücklich

Wenn man mit dem Ehepartner und den Kindern versöhnt und Dissens-fähig leben kann (gerade bei Teenagern ist Dissensfähigkeit wichtig), ist das andere fast immer ok. Als ich in der Vergangenheit einmal sehr unglücklich mit meinem Beruf war, weil mein Arbeitgeber Konkurs anmeldete und ich mit Frau und vier Schulkindern auf der Straße stand, hat meine Frau den Unterschied gemacht: „Wir haben manches miteinander überlebt, das werden wir mit Sicherheit auch miteinander schaffen!“

Anderen helfen, ist für Helfer mit Glücklich-sein verbunden

Wenn man Zufriedenheit misst, merkt man, dass Glücksgefühle meistens dadurch entstehen, dass man etwas tut. Glücksgefühle entstehen am häufigsten, wenn Menschen sich in eine Tätigkeit vertiefen, die sie gut können. Wenn Sie etwas tun, das Sie gut können, werden Sie dadurch glücklich.

Anderen helfen, ist für Helfer mit Glücklich-sein verbunden. Anderen zu helfen, ist keine seelisch ungesunde Tätigkeit. Wenn Sie anderen gerne helfen, haben Sie noch lange kein Helfer-Syndrom. Ein Helfer-Syndrom ist eine ernstzunehmende Störung des Ich-Gefühls: man braucht es, gebraucht zu werden. Man hilft anderen immer nur soweit, dass man noch gebraucht wird. Man hilft nicht so, dass man sich überflüssig macht. Leute aber, die wirklich helfen und andere fördern, sind glückliche Menschen.

Optimismus und Dankbarkeit

Glücklich-sein wird durch die innere Einstellung gefördert, durch Optimismus, den wir in der christlichen Sprache vielleicht Hoffnung nennen: Ich weiß nicht, was auf mich zukommt, aber ich weiß, wer auf mich zukommt. Dieser Optimismus beruht auf einem Wissen: Gott hat einen Plan für mein Leben, das Vertrauen auf einen Gott, der sagt: Ich weiß, wo es hingeht, ich bin euch vorangegangen, ich bin schon da.

Dankbarkeit ist die Fähigkeit, das Gute zu sehen. Zum Beispiel: Wir haben in unserem Land seit 67 Jahren Frieden. Das ist das erste Mal in der mitteleuropäischen Kultur, dass ein Mensch alt werden kann und nie einen Krieg erleben muss. Wir haben sauberes Trinkwasser, um das uns die Mehrzahl der Menschen auf der Erde beneiden kann. Dankbarkeit ist die Fähigkeit, die Dinge aus der guten Perspektive zu sehen.

Anderen Vergeben können

Als Lehrer werden Sie verletzt. Sie müssen Unverschämtheiten ertragen – von Schülern, von Eltern, von Kollegen. Man tut Ihnen Unrecht. Wenn Sie Menschen erziehen, dann „ziehen“ Sie an ihnen und sie sagen manchmal: „Aua!“ (Erziehen ist übrigens besser als erdrücken!) Wenn Sie nicht die Fähigkeit haben, zu sagen: „Ich nehme dir das nicht krumm; ich trag dir das nicht nach; ich gebe dir das nicht zurück; ich gebe das dort ab, wo es hingehört.“ – dann werden Sie unglücklich. Wenn Sie aber die Fähigkeit haben zu verzeihen, sind Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ein glücklicher Mensch. Auch da gilt: Wer’s übt, kann‘s besser.

Und noch eines: Ein guter Umgang und Austausch mit Kollegen ist der stärkste Präventionsfaktor. Was Sie hier heute veranstalten, dass Sie sich gegenseitig unterstützen und ermutigen, das ist mit Sicherheit und nachweisbar das Beste, was Sie tun können, um keinen Burnout zu bekommen.

Dr. Ulrich Giesekus ist Professor für Psychologie und Counseling an der Internationalen Hochschule Liebenzell. Er ist Leiter von BeratungPlus und ein praxisorientierter Trainer und Referent u. a. in der Aus- und Weiterbildung von Beratern und Seelsorgern.