Wertschätzung und Ermutigung im Schulalltag

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Von Heidi Gneiting // Bild: ©Christian Schwier/fotolia

Wie erlebt man wieder die Schule hierzulande, wenn man ein ganzes Jahr weg war, sogar ganz weit weg, in einer anderen Kultur, in einer anderen Gemeindekultur, die in Erweckung lebt? Mein Mann und ich hatten das Glück und die Möglichkeit, als Studenten ein Jahr nach Kalifornien zu gehen und eine Ausbildung zu machen an der „Schule des Dienstes“ (eine Art Bibel- oder Jüngerschaftsschule) der Bethel-Gemeinde in Redding/Nordkalifornien. Dieses Jahr hat uns sehr geprägt, ganz besonders wegen des ermutigenden, wertschätzenden Umgangs miteinander, auf den in dieser Gemeinde und in dieser Schule besonderen Wert gelegt wird. Diese „Kultur der Ehre“ (benannt nach dem gleichnamigen Buch von Danny Silk, einem der Hauptleiter in der Bethel-Gemeinde) hat es uns besonders angetan. Es freut mich, zu sehen, wie viel davon an einer ganz normalen deutschen Schule gelebt werden kann.

Ich unterrichte das Fach evangelische Religion. Schon immer war es mir ein Anliegen, nicht nur die Köpfe, sondern auch die Herzen der Schüler, ihre ganze Persönlichkeit zu erreichen und ihnen die Wertschätzung entgegenzubringen, die Gott ihnen zugedacht hat. Es geht dabei weniger um irgendwelche neue Regeln in der Klasse, sondern um eine bewusste Sicht davon, dass die mir anvertrauten Schüler die ganz besonderen Schätze Gottes sind.

Dabei ist es wichtig, für Schüler eine „safety zone“ zu schaffen, einen Ort der Sicherheit, wo sie sich angenommen fühlen und gleichzeitig Raum ist für jeden, seine Gaben und Fähigkeiten im Rahmen der Klassengemeinschaft zu entfalten. Diese Atmosphäre der Sicherheit und des Angenommen-seins entsteht, wie gesagt, durch Wertschätzung und dadurch, dass ich als Lehrerin das selbst lebe und dass ich für meine Schüler berechenbar bin. Dabei hilft mir persönlich sehr, dass ich mich selbst als absolut angenommen und von Gott geliebt weiß, und dieses Bild von Gott möchte ich auch meinen Schülern vermitteln. Das heißt nicht, dass Schüler ab und zu nicht klar und mit Nachdruck von mir ermahnt werden und ihnen eindeutig Grenzen aufgezeigt bekommen, wenn sie keine oder nur mangelnde Einsicht in ihr Fehlverhalten zeigen. Es ist eigentlich eher so, dass klare Regeln und Grenzen zu dieser „safety zone“ im Klassenverband entscheidend beitragen.

Person und Verhalten auseinanderhalten

Ein wichtiger Beitrag zur Aufrechterhaltung dieser Atmosphäre des Sich-sicher-fühlens ist m.E. die Trennung von Person und Tat bzw. Verhalten. Schüler sollten wegen ihres falschen Verhaltens ermahnt werden, ohne dass dabei ihre gesamte Persönlichkeit in Frage oder an den Pranger gestellt wird. Wir alle kennen die sogenannten Killerworte: immer, nie, andauernd („Nie hältst du dich an die Regeln.“) An dieser Stelle – spätestens – zeigt sich mein eigenes Menschenbild. Wenn ich darauf ausgerichtet bin, die Schüler in ihrer Identität zu stärken, so dass sie sich als überaus wertvolle Geschöpfe eines liebenden Schöpfergottes wissen, und wenn ich sie auf ihrem Lebensweg ermutigen möchte, dann werde ich all das Positive sehen, nämlich all das Potential, das Gott in sie hineingelegt hat und das sich (noch) entwickeln kann und wird. Deshalb werde ich nach einem Fehlverhalten auf ihre Wiederherstellung bedacht sein und darauf, dass sie etwas aus dem Fehler lernen können. Mein Umgangston wird von Ermutigung und respektvollem Umgang geprägt sein, und ich werde auch bei einem schwachen oder ständig auffälligen Schüler die positiven Seiten sehen und sie ihm vor Augen halten. Oft haben sich Jugendliche schon selbst in gewisser Weise aufgegeben und reagieren bei Ermahnung mit „Durchzug“. Das Bild, das sie von sich haben, ist so schlecht und wird von der Umwelt auch noch bestätigt. Mir ist natürlich bewusst, dass es durchaus Schüler gibt,

die auch Ermutigung „ausnutzen“ und sich einfach nicht ändern wollen; bei ihnen sind klare Grenzen – wie oben erwähnt – erforderlich, um für die ganze Klasse die „safety zone“ aufrecht zu erhalten.

Die Atmosphäre in der „safety zone“

 – Der Umgangston ist respektvoll und wertschätzend.

– Person und Tat bzw. Fehlverhalten werden auseinander gehalten.

– Nach einem Fehlverhalten ist die Lehrerin auf die Wiederherstellung der Beziehung bedacht.

– Bei schwachen oder ständig auffälligen Schüler sind auch deren positive Seiten im Blick.

– Klare Regeln und Grenzen tragen wesentlich zur Atmosphäre in der „safety zone“ bei.

Wer sich an dieser Stelle neue Anregungen holen bzw. dieses Thema vertiefen möchte, dem sei das Buch von Danny Silk empfohlen: „Erziehung mit Liebe und Vision. Herzensverbindungen eingehen statt Machtkämpfe austragen“ (Verlag Glory world Medien). Dieses Buch ist für die Erziehung in der Familie geschrieben, befasst sich aber mit vielen Erziehungsthemen, die für die Schule relevant sind, und es gibt überraschend neue Perspektiven, über die man ernsthaft nachdenken sollte.

Es ist so wichtig für Schüler, dass unsere Worte Leben in sie hineinsprechen. Dass diese Botschaft, diese Einladung Gottes ankommt: Du bist wertvoll für mich, ich habe dich wunderbar gemacht (Psalm 139) und möchte dich zu einer ewigen Freundschaft bzw. Beziehung mit mir einladen, nämlich mein Kind zu sein.

Mit Gott im Alltag rechnen

 Nun werden vielleicht manche einwenden, dass das im stressigen Schulalltag doch kaum möglich ist und eher ein – buchstäblich – frommer Wunsch bleibt. Das wäre ganz sicher so, wenn da nicht noch Gott wäre. Ich rechne damit, dass Gott sich dazustellt, zu dieser gelebten „Kultur der Ehre bzw. Wertschätzung“. Und – ich rechne auch mit Wundern. Um die bisher eher theoretischen Ausführungen zu vertiefen, folgen zwei Beispiele aus dem Schulalltag.

Ich hatte eine sehr schwierige sechste Klasse (Realschule) und war an einem Punkt angelangt, wo ich mir buchstäblich nicht mehr zu helfen wusste. Freunde beteten für mich. Dabei entstand die Idee, jedem Schüler dieser schwierigen Klasse ein persönliches, ermutigendes Wort zu geben. Ich schrieb eine Bibelstelle auf einen flachen runden Stein (Tischdekoration) und dazu – in kleiner Schrift – ein persönliches Wort, so als ob Gott es selbst zu dem Betreffenden sagen würde (z. B. „Ich freue mich total über dich“ und Zefanja 3, 17). Ich betete für jeden Schüler, dass er auch das für ihn richtige Wort bekäme, und ich glaube tatsächlich, dass mir Gott das meiste eingeflüstert hat. Jeder erhielt also so einen Stein und konnte dann noch die entsprechende Bibelstelle

nachschlagen, wenn er wollte. Ich erklärte der Klasse, dass das wirklich persönliche Worte von Gott an sie seien, sozusagen handverlesen. Die Klasse war wie vom Donner gerührt; sie hatten nach den letzten schwierigen Stunden eher mit einer Standpauke gerechnet. Die allermeisten gingen sehr behutsam mit den Steinen um und betrachteten sie fast wie ein persönliches „Geschenk Gottes“ (einige wenige der Schüler leider nicht, aber das muss man in Kauf nehmen). Als ich im nächsten Schuljahr die Parallelklasse als Siebtklässler bekam, war deren erste, sehr nachdrückliche Frage: Bekommen wir auch solche schönen Steine?

Erst kürzlich habe ich eine Liste mit Bibelworten und persönlichen Sätzen einer fünften Klasse ausgeteilt; die Kinder sollten ankreuzen, welche Worte ihnen am besten gefallen. Nicht wenige hatten alle Worte angekreuzt. Sie sagten, dass es ihr liebstes Text- bzw. Arbeitsblatt im ganzen Heft sei. Inzwischen kaufe ich – der Einfachheit halber – Kärtchen mit solchen Worten. Sie finden immer wieder Anwendung in meinem Unterricht.

Es war in einer fünften Klasse…

Wie gesagt, gehören auch Wunder zu diesem wertschätzenden und respektvollen Umgang miteinander – und mit Gott. Es war in einer fünften Klasse im Frühsommer. Es ging gerade darum, wie wunderbar und vollkommen Gott alles gemacht hat und dass wir sorgfältig mit seiner Schöpfung umgehen sollen (und natürlich auch mit uns selbst). Plötzlich gab es ein lautes Geräusch: Ein kleiner Vogel war schräg gegen die Scheibe des weitgeöffneten Fensters geflogen. Er befand sich aber schon im Klassenzimmer – und landete auf einem Schülertisch, der unter dem geöffneten Fenster stand. Dort blieb er hilflos liegen. Ein Flügel sah wie gebrochen aus, der Kopf hing schlapp herab, und es war klar, dass der Vogel dabei war zu sterben.

Die ganze Klasse war in hellem Aufruhr. Die Schüler bedrängten mich, doch für den Vogel zu beten. Das taten wir dann gemeinsam. Nach wenigen Minuten richtete sich der Vogel auf, setzte sich gerade, zog seinen Flügel ein, verschnaufte noch eine kleine Weile und flog bis zum Fensterrahmen des geöffneten Fensters und setzte sich darauf. Augenblicke später war er davongeflogen. Erstauntes Schweigen in der Klasse – bis sich ein Schüler meldet: „Ich glaube, das hat Gott extra so gemacht, das mit dem Vogel, damit wir glauben können, dass das alles wahr ist, was Sie uns gerade über Gott erzählt haben.“